Zwölf Jahre Haft für Totschlag im Klever Lidl-Markt

Adil und Mekin O., die am 31. März 2014 einen 43-Jährigen im Lidl-Supermarkt in Kleve getötet haben, müssen wegen Totschlags für zwölf Jahre in Haft.
Adil und Mekin O., die am 31. März 2014 einen 43-Jährigen im Lidl-Supermarkt in Kleve getötet haben, müssen wegen Totschlags für zwölf Jahre in Haft.
Lidl-Prozess: Angehörige der Täter brechen in Tränen aus, Nebenkläger verlässt schimpfend den Saal. Staatsanwalt prüft Revision am Bundesgerichtshof.

Kleve. Die Stimmung im Zuschauerraum ist angespannt, als die Kammer unter Vorsitz von Richter Ulrich Knickrehm den Saal des Klever Landgerichts betritt. Ohne lange Umschweife verkündet Knickrehm dann ein Urteil, das von manchen Beobachtern nach zehn Prozesstagen als überraschend empfunden wird.

Adil und Mekin O., die am 31. März dieses Jahres einen 43-Jährigen im Lidl-Supermarkt an der Materborner Allee getötet haben, müssen wegen Totschlags für zwölf Jahre in Haft. Die Staatsanwaltschaft hatte auf lebenslange Haft wegen Mord aus niederen Beweggründen plädiert. Die Verteidigung hatte sieben Jahre Haft wegen Totschlags in minderschwerem Fall gefordert.

Eine spontane Tat

Aus Sicht der Kammer haben die beiden Täter ihr Opfer am Tattag gegen 17.45 Uhr auf der Materborner Allee erspäht. Ob sie ihn gezielt gesucht hatten oder sich die Begegnung zufällig ereignete, habe man im Verlauf der Verhandlung nicht zweifelsfrei klären können, führt Richter Knickrehm aus. Unabhängig davon hätten Adil und Mekin O. jedoch im Auto den Entschluss gefasst, den 43-Jährigen zu stellen und zu töten. Den Ausführungen der Angeklagten, sie hätten ihr Opfer lediglich zur Rede stellen wollen, glaubt das Gericht nicht.

Zeugen hatten beschrieben, wie die 31 und 22 Jahre alten Männer erst langsam am Mega-Food-Markt an der Materborner Allee und schließlich am Lidl-Markt vorbeigefahren seien. Sie hätten gewirkt, als wenn sie jemanden gezielt suchen würden. „Das wäre ein übertriebener Aufwand, wenn man nur mit jemandem reden möchte“, sagt Richter Ulrich Knickrehm. Im Lidl-Markt haben sie das Opfer schließlich erspäht und es anschließend im Ausgangsbereich abgepasst.

Sofort ist es zu einem Wortgefecht gekommen, in dessen Verlauf Mekin O. ein Messer zog und mindestens einmal auf den 43-Jährigen einstach. Ein Zeuge schaffte es noch, die drei Männer durch einen Einkaufswagen zu trennen. Auf der Flucht zurück in den Markt holten die beiden Täter das Opfer jedoch im Kassenbereich wieder ein. Beide stachen auf den 43-Jährigen ein, auch als er bereits am Boden lag. 44 Stich- und Schnittverletzungen zählte die Gerichtsmedizin später. „Das Gericht hat nicht feststellen können, dass die Tat lange geplant war. Viel mehr gehen wir davon aus, dass sie spontan geschah“, sagt Richter Ulrich Knickrehm. Auch dass die Täter unvorbereitet geflohen waren und sich kurze Zeit später stellten, spreche für eine spontane Tat.

„Das ist eine Lebensperspektive“

Auch zum Motiv äußert sich die Kammer. 2002 war die Ehe des 43-Jährigen mit einer Schwester der beiden Täter geschieden worden. Er soll seiner Frau gegenüber gewalttätig aufgetreten sein. 2008 ging der Mann schließlich mit einem Messer und einem Stein auf einen Bruder der Täter und seiner Ex-Frau los und verletzte ihn schwer. Daraufhin wurde er 2009 in Kleve zu vier Jahren Haft verurteilt. Die mehrfachen Übergriffe des Opfers auf die Familie der beiden Täter hätten bei dieser für ein Klima der Angst gesorgt. „Eine subjektiv empfundene Angst, die lebensbedrohend und -bestimmend geworden war“, sagte Knickrehm. Die Tat trage durchaus Züge von Selbstjustiz.

Die Angehörigen der beiden Täter brechen nach der Urteilsverkündung im Zuschauerraum unter Tränen zusammen. Der als Nebenkläger auftretende Bruder des Opfers verlässt fluchend den Gerichtssaal. Zuvor hatte er in Richtung der weinenden Angehörigen geschimpft.

Die Verteidigung zeigt sich in einer ersten Stellungnahme zufrieden. „Unsere Mandanten sind zunächst froh, nicht lebenslang ins Gefängnis zu müssen“, sagt Rechtsanwalt Dr. Stefan Tierel. Bei guter Führung könnten sie nach acht Jahren entlassen werden. „Das ist eine Lebensperspektive.“ Wie man weiter verfährt, müsse mit den Mandanten abgesprochen werden. Auch die Staatsanwaltschaft hat angekündigt, eine Revision prüfen zu wollen. Diese würde am Bundesgerichtshof verhandelt werden.

 
 

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