Woher kommen die Kunden?

Woher kommen die zusätzlichen Kunden, die in Kleve 22 Millionen Euro lassen sollen?
Woher kommen die zusätzlichen Kunden, die in Kleve 22 Millionen Euro lassen sollen?
Foto: WAZ FotoPool
Um 22 Millionen Euro mit dem Geschäftshaus auf dem Minoritenplatz zu erzielen, müssten jeden Tag zusätzliche 488 Kunden in Kleve jeweils 150 Euro ausgeben

Kleve..  Welche Auswirkungen wird ein neues Geschäftshaus in der Klever Unterstadt haben? Kaum eine Frage wird zurzeit so intensiv diskutiert wie die Vorschläge des Erlangener Investors „Sontowski & Partner“. Zirka 22 Millionen Euro Umsatz möchte Projektleiter Thomas Riek mit dem Einzelhandelsangebot auf dem Minoritenplatz erzielen. Eine enorme Summe, bei der man sich fragen muss: Woher sollen die Kunden kommen?

Die NRZ nähert sich dem neuen Objekt von der rationalen Seite – architektonische Elemente mal außen vor gelassen. Welchen Zahlen liegen auf dem Tisch?

Die Klever Stadtverwaltung hat bei der Beratungsfirma Cima zwei Gutachten in Auftrag gegeben. 2007 erstellte Dr. Wolfgang Haensch von der Cima ein Einzelhandelsgutachten für Kleve, welches im Jahr 2012 mit einer „gutachterlichen Stellungnahme“ zum Minoritenplatz fortgeschrieben wurde. Haensch sagt, dass er alle Betriebe in Kleve aufgenommen und auf der Grundlage von Quadratmeterzahlen und Umsätzen ein Gutachten entwickelt habe.


Die Umsätze
Nach Haensch gibt es in der Klever Innenstadt 219 Betriebe, die 2012 einen Umsatz von 141 Millionen Euro erzielt haben. Das sind 37 Prozent des Gesamtumsatzes des Klever Einzelhandels. Haensch erkennt seit 2007 eine Steigerung des Umsatzes in der Innenstadt von 6,6 Prozent. Den Klever Einzelhändlern geht es demzufolge nicht schlecht.

Abweichend von den Cima-Zahlen sind die Einzelhandelskennziffern der IHK. Diese berufen sich auf die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Demzufolge hätten die Klever Einzelhändler 2012 nur einen Umsatz von 130,5 Millionen Euro gemacht. Das wäre im Vergleich zu 2007 ein Minus von 4,9 Prozent. Nach den Angaben der IHK verlieren die Einzelhändler schon jetzt Umsätze.

Zur Beurteilung der aktuellen Lage liegen also unterschiedliche Zahlen und Einschätzungen vor.


Die Anziehungskraft
Kleve ist für das Umfeld ein Einkaufsmagnet. Die so genannte Zentralitätskennziffer lag in den vergangenen fünf Jahren bei 155 Prozent. Das heißt: In Kleve wird im Einzelhandel 55 Prozent mehr umgesetzt, als die Kaufkraft der Klever erwarten lassen würde. Kleve zieht also Kunden aus dem Umland an und die Klever selbst kaufen zu einem Großteil bereits in ihrer Stadt. Im NRZ-Bürgerbarometer 2013 gaben 77 Prozent der befragten Klever an, dass sie am häufigsten in Kleve einkaufen (ausgenommen war der tägliche Bedarf). Jeweils fünf Prozent kaufen demnach in Oberhausen und Nimwegen ein. Drei Prozent in Düsseldorf, ein Prozent in Bocholt.


Das Kaufhaus
Um 22 Millionen Euro zusätzlichen Umsatz machen zu können, benötigt die Stadt also vor allem weitere Kunden aus dem Umland, denn die Klever können ihr Einkommen schließlich nur einmal ausgeben. Thomas Riek von Sontowski & Partner sieht Potenzial in Emmerich und Goch. Er könne mit zwei großen Ankermietern durchaus neue Kunden nach Kleve locken, sagt er im NRZ-Gespräch. Aber auch weitere Kaufkraft in der Stadt könne man binden. Wenn die jungen Leute ihr Geld nicht in Oberhausen oder Nimwegen ausgeben.


Die Frage
Wie viele Kunden benötigt Kleve nun um 22 Millionen Euro zusätzlichen Umsatz zu machen? Die Gretchenfrage. Dr. Wolfgang Haensch, Leiter der Cima-Studie, möchte darauf keine seriöse Antwort geben. Dies hänge von vielen Faktoren ab, sagt er. Die Cima habe für Hamburg, München und Berlin untersucht, wie viel Touristen in den Städten am Tag ausgeben. Fazit: deutsche Touristen geben einen kleinen dreistelligen Betrag aus. Auch für Kleve gibt es für Touristen Zahlen. Ute Schulze-Heiming hat ermitteln lassen, dass Tagestouristen, die in Kleve auch einkaufen möchten, im Schnitt 59 Euro ausgeben.


Das Zahlenspiel
Auf Grundlage dieser Erkenntnisse lohnt sich ein ein Gedankenspiel: Geht man davon aus, dass zusätzliche Kunden in Kleve 150 Euro am Tag ausgeben würden (und das ist schon ein hoher Betrag), dann müssten bei 22 Millionen Euro Umsatz und 300 Geschäftstagen im Jahr jeden Tag 488 zusätzliche Käufer nach Kleve kommen. Sie müssten im Durchschnitt jeden Tag jeweils 150 Euro ausgeben. Nimmt man sogar nur die geringeren 59 Euro als Grundlage, wären es gar 1243 zusätzliche Kunden – wohlgemerkt am Tag. Nur dann würde Kannibalismus unter den Einzelhändlern vermieden.


Der Wettbewerb
Wird Kleve das schaffen? Nein, sagt ganz klar Jörg Hopmans vom Klever City-Netzwerk. Kleve müsste dafür deutlich mehr Werbung machen. Zu einer Wohlfühlstadt werden, die ein Erlebniseinkaufen ermöglicht, ähnlich wie es das Centro in Oberhausen biete.

Der IHK-Einzelhandelsexperte Michael Rüscher geht davon aus, dass es im Klever Einzelhandel zu „Umverteilungen“ kommen wird. Die Frage sei, ob dies für einige Händler existenzbedrohend ist. Wenn ja, gibt es bald Leerstände. „Die Auswahl des neuen Angebotes wird ganz entscheidend sein“, so Rüscher. Das Angebot müsse ergänzt und breiter gemacht werden: „Die Frage ist, ob das gelingt.“

 
 

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