Wenn Kinder Unialltag schnuppern

Matthias Wenten
Bei der Premiere der Kinderuni gab es Studentenausweise für die Acht- bis Zwöljährigen. Die hörten interessiert zu und stellten viele Fragen.
Bei der Premiere der Kinderuni gab es Studentenausweise für die Acht- bis Zwöljährigen. Die hörten interessiert zu und stellten viele Fragen.
Foto: WAZ FotoPool
Die Premiere der Kinderuni an der Hochschule Rhein-Waal war gut besucht. Auf dem Stundenplan stand angewandte Spieltheorie

Kleve.  An der Eingangstür gibt’s Karten, auf denen die Kinder ihre Namen eintragen können: Studentenausweise – schließlich gehören die knapp 100 Acht- bis Zwölfjährigen, die – teilweise mit ihren Eltern – im Hörsaal der Hochschule Rhein-Waal Platz genommen haben, an diesem Tag zum akademischen Nachwuchs. Und darauf sind die meisten so stolz, dass sie die grünen Karten gleich um den Hals hängen.

Anschauliche Beispiele

Angewandte Spieltheorie steht auf dem Stundenplan bei der Premiere der Kinderuni. Professor Dr. Hasan Alkas, der Dekan der Fakultät Gesellschaft und Ökonomie, hält die Vorlesung. Deren Ziel ist es, die Kinder schon in jungen Jahren in den universitären Alltag hineinschnuppern zu lassen. Da drängt sich das Thema Spieltheorie ja geradezu auf, mag man denken: Kinder und Spielen – das passt doch. Aber so einfach ist die Sache nicht. Denn: „Spieltheorie kommt nicht von Spielen. Vielmehr geht es darum, für bestimmte Situationen die optimale Lösungsstrategie zu finden“, wie Alkas erklärt.

Hört sich kompliziert an? Ist aber gar nicht so schwer, wie Alkas’ Beispiel belegt: „Wo ist der beste Platz, wenn Ihr während der Vorlesung gehen wollt?“, fragt er in die Runde. Finger schnellen in die Höhe. „Am Rand. Wenn man in der Mitte sitzt, müssen die anderen aufstehen“, antwortet ein Junge. Genau.

Daran, die Vorlesung vorzeitig zu verlassen, denkt aber sowieso keiner. Dazu ist es nämlich viel zu spannend. Dazu holt Alkas die Kinder viel zu sehr ins Boot mit seinen kindgerechten Beispielen. Aufmerksam hören die Kinder Alkas zu und stellen Fragen. Manche haben ihre Etuis heraus geholt und schreiben alles mit wie Bennet, Jill und Nina (alle 8), die extra aus Moers nach Kleve gekommen sind. Andere lassen das Gesagte auf sich einwirken, ohne sich Notizen zu machen. Getuschel gibt es kaum.

Professor Alkas nähert sich jetzt langsam dem Kern der Vorlesung: dem Gefangenen-Dilemma, einem der zentralen Modelle der Spieltheorie. Kaum ist der Begriff gefallen, zeigt ein Junge auf und erklärt wie ein kleiner Professor, was das Gefangenen-Dilemma ist. „Du hast dich vorbereitet, das ist an der Uni immer gut“, sagt Alkas. Und erklärt das Modell dann so, dass es auch alle anderen Kinder verstehen, die ihre Freizeit mit anderen Dingen als dem Gefangenen-Dilemma verbringen. Mit Spielen zum Beispiel.

Also: Zwei Schüler, Paul und Jan, haben ein wenig schmeichelhaftes Bild ihres Klassenlehrers an die Tafel gemalt. Der ist erbost und will die Übeltäter finden. Weil Paul und Jan die einzigen sind, die lachen, hat er sie im Verdacht – kann ihnen aber nichts beweisen. Deswegen beordert er sie in zwei Räume und befragt sie getrennt voneinander und ohne, dass sie sich absprechen können. Wenn beide gestehen, müssen beide vier Stunden nachsitzen. Wenn beide leugnen, sind es nur zwei Stunden. Und wenn einer gesteht und der andere leugnet, bekommt der Geständige keine Strafe, während der andere gleich fünf Stunden nachsitzen muss.

„Gestehen oder leugnen? Was ist die optimale Lösung?“, fragt Alkas. Wieder schnellen die Finger in die Höhe und die Meinungen sind sehr unterschiedlich, bis Alkas die Lösung liefert: „Eigentlich wäre es besser zu leugnen, aber in der Regel gestehen beide, weil sie nicht wissen, ob der andere dicht hält.“

Kurz vor Schluss, nach einer knappen Stunde, möchte Alkas wissen, was die Kinder denn nun gelernt haben und mit nach Hause nehmen. Ein Mädchen sagt: „Dass man keine Fratzen von seinen Lehrern auf die Tafel malen soll.“