Kreis Kleve. Wie ein verwegener Pirat wirkt Wolfgang Huying nicht gerade: 50 Jahre alt, kariertes Hemd – wir treffen uns auf dem Fußballplatz des SV Haldern. Huying trainiert hier die A-Jugend des Vereins. Selbst spielt er noch bei den Alt-Herren von Blau-Weiß Bienen. Der Kandidat der Piraten ist mit seiner rechtsrheinischen Heimat fest verwurzelt und doch – oder gerade deswegen – möchte er im Kreis Kleve etwas verändern.
Die Piraten sind neu, kaum einer kennt Sie und Ihr Programm. Vielleicht stellen Sie sich erst einmal kurz vor?
Wolfgang Huying: Ich bin in Rees kein Unbekannter. Ich bin hier geboren und in Bienen aufgewachsen. Von 1983 bis 2000 habe ich ein Autohaus in Rees geführt und habe es dann veräußert. Seitdem lebe ich in Haldern. Für das Autohaus gab es keine Erfolgsaussichten mehr, mit dem Internet kamen jedes Jahr sukzessive Umsatzschmälerungen, die man aufgrund der Kostensituation nicht auffangen konnte. Ich hatte noch ein zweites Autohaus in Wesel. Heute bin ich als selbstständiger Unternehmensberater unterwegs.
Sie kommen sehr bodenständig rüber. Sie könnten sich genauso gut in der FDP engagieren. Warum die Piraten?
Huying:Vor dem Abitur war ich sogar mal kurz davor, in die Junge Union einzutreten. Ich bin aber nie in einer Partei gewesen, würde mich als konservativ-liberalen Typ einordnen, der in den letzten zehn Jahren den Bezug zur Politik verloren hat. Ich finde mich in den etablierten Parteien nicht wieder. Wir brauchen eine neue Partei, eine neue Kraft, um die verkrusteten Strukturen aufzubrechen. Politik- und Parteiverdrossenheit sind schon Beweggründe für mein Engagement. CDU, FDP, SPD oder Grüne haben sich stark angeglichen. Die Politik hat sich vom Bürger entfernt.
Die Piratenpartei erscheint in der Öffentlichkeit als ein wilder Haufen übergewichtiger Computernerds. Da passen Sie nicht rein.
Huying:Nein, auch unser Spitzenkandidat für NRW nicht. Der ist auch 54 und Diplomphysiker. Die Piratenpartei ist für mich persönlich eine neue Kraft, wo es sich lohnt, einen Blick darauf zu werfen. Das habe ich zwischen Weihnachten und Neujahr gemacht und gedacht: Mensch, das ist eine Bewegung, die die Möglichkeit hat, an unseren politischen Strukturen etwas zu verändern. Ich bin der Partei im Januar beigetreten. Dass ich jetzt schon direkt zum Kandidaten aufgestellt wurde, ging recht schnell. Das ist auch für mich überraschend. Bei den Piraten engagieren sich junge Menschen, die nicht nur am Computer sitzen, sondern die an Politik interessiert sind.
Mit welchen Themen gehen Sie in den Wahlkampf?
Huying:Ich habe mich immer für die Wirtschafts- und Finanzpolitik interessiert. Das ist eines der Themenfelder, welches bei der Piratenpartei noch brach liegt. Diese junge Partei wird zurzeit von der Wirklichkeit überrannt. Das zeigt mir, dass es einen großen Bedarf nach einer neuen Politik gibt. Wir sind sicherlich in der Bildungspolitik ganz gut aufgestellt und haben da konkrete und machbare Ansätze.
Mehr Bürgerbeteiligung ist ein wichtiges Thema für die Piraten.
Huying:Seit Stuttgart 21 hat sich ja gezeigt, dass da ein ureigenes Interesse der Bevölkerung besteht. Bei vielen Fragen sollten die Bürger auch mitreden können. Das versäumen die etablierten Parteien. Dabei bietet gerade das Internet viele Möglichkeiten der Abfrage des Bürgerwillens. Ich lese in den letzten Tagen bei den etablierten Parteien immer häufiger das Wort Transparenz. Es bringt aber nichts, wenn man das Wort einfach nur im Munde führt. Die Piraten haben deshalb den Erfolg, weil sie eine transparente Politik machen wollen. Das muss man leben. Die Piraten holen damit viele Bürger an die Wahlurne zurück, die schon lange nicht mehr wählen gehen.
Die Piraten als Protestpartei?
Huying:Wenn Sie sich mit den Leuten auf der Straße unterhalten, sagen diese: Warum soll ich wählen gehen? Die Politiker versprechen viel und halten es anschließend nicht. Eine Wahlbeteiligung von unter 60 Prozent ist ein Offenbarungseid. Das ist vollkommen inakzeptabel.
Was ist Ihr Wahlziel?
Huying:Wir wollen so gut wie möglich aus dieser Wahl hervorgehen. Die Partei wird dann gefordert sein, diese Vorschusslorbeeren zurückzuzahlen durch die Praxis in der Politik. Dann wird sich zeigen, wie die Entwicklung weiter gehen wird. Ob wir in der Lage sind, am System wirklich etwas zu verändern oder ob wir wie die Grünen uns dem System anpassen, zu den Etablierten gehören und nichts verändert haben.
Würden sie in den Landtag gehen?
Huying:Natürlich, dafür trete ich an. Aber natürlich weiß ich, dass man im schwarzen Kreis Kleve als Vertreter einer kleinen Partei sicherlich keine Chance hat, ein Direktmandat zu bekommen.
Wie setzen sich die Piraten vor Ort zusammen?
Huying:Der Kreisverband Kleve besteht aus 65 Mitgliedern, davon sind vielleicht 15 aktiv.
Thema Bildung: Welche Position haben da die Piraten?
Huying:Es sollte nur noch eine Schule geben mit einem Kurssystem. Grundsätzlich sollte kein Schüler mehr sitzen bleiben können. Dieses Sitzenbleiben hinterlässt bei Schülern Traumata. Schlechte Leistungen rühren häufig ja auch nur daher, weil ein Schüler nur in zwei oder drei Fächern schwach ist. Dies könnte man aber in einem Kurssystem auffangen. Aufgrund der stark rückläufigen Schülerzahlen ist es auch gar nicht mehr machbar, in jeder Ortschaft alle Schultypen vorzuhalten.
Also ist die Landesregierung mit Gesamt- und Sekundarschulen auf dem richtigen Weg?
Huying:Auf jeden Fall. Bei diesem Thema werden wir sicherlich nicht eine klare Oppositionspartei sein. Wenn die Regierung gute Vorschläge hat, werden wir diese auch unterstützen. Das ist ja auch ein Fehler der Politik: Die Opposition lehnt alles ab, die Regierung übernimmt nichts von der Opposition, obwohl auch diese gute Vorschläge unterbreiten kann. Die Vorschläge werden dann abgelehnt, umformuliert und ein halbes Jahr später als Regierungsvorschlag vorgestellt. Das sind politische Eitelkeiten, die wenig zielführend sind.
Wir wollen Klassen, die am Ende nicht mehr als 15 Schüler haben, wir wollen mehr Verwaltungsangestellte in den Schulen haben, damit die Lehrer sich auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren können. Zehn bis 15 Prozent der Arbeitszeit geht für Verwaltungsarbeit drauf.
Wie wir das bezahlen wollen? Im Personalbereich ist ein Rieseneinsparpotential. Das beziffern wird auf 500 Millionen Euro. Wir wollen das Füllhorn aber auch nicht mit Hurra ausschütten. Das kann nicht der richtige Weg sein. Wir müssen Prioritäten setzen. Das Thema Bildung ist sicherlich das Thema, wo man am wenigsten sparen sollte.
Bei der Sozialpolitik stehen Sie für ein bedingungsloses Grundeinkommen.
Huying:Als Vision – ich sage bewusst Vision. Wenn man sich vorstellt, was die Verwaltung der Hartz-IV-Empfänger kostet und dem ein Grundeinkommen für Bürger gegenüber gestellt wird, dann gibt es Rechner die sagen, dass ist ein Nullsummenspiel.
Wie können Sie als Liberal-Konservativer sich mit so einem Vorhaben anfreunden?
Huying:Das sind meine Grundwurzeln, aber ich bin da nicht ideologisch festgefahren. Ich habe auch gewisse Vorstellungen von der freien Marktwirtschaft gehabt, die ich über Bord werfen musste, weil wir 2008 gesehen haben, dass der Markt sich nicht selber reguliert und Staatsgelder benötigt, um nicht zusammenzubrechen. Ob ein Grundeinkommen für alle überhaupt durchsetzbar ist, ist eine andere Frage. Aber wenn man nicht an Visionen glaubt, braucht man auch keine Politik mehr zu machen.