Vorne Denkmal, hinten abrissreif

Die Ziegelfassade aus der Jahrhundertwende ist denkmalwert, aber die Gebäudeteile dahinter wurden immer wieder erneuert. Deren Abriss ist sicher. Foto: Thorsten Lindekamp / WAZ FotoPool
Die Ziegelfassade aus der Jahrhundertwende ist denkmalwert, aber die Gebäudeteile dahinter wurden immer wieder erneuert. Deren Abriss ist sicher. Foto: Thorsten Lindekamp / WAZ FotoPool
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Kleve. Da steckt ein Denkmal im Detail. Der Abriss des Gebäudes der „Union“ Deutsche Lebensmittelwerke in Kleve zieht sich noch hin. An einigen Gebäudeteilen wird zwar schon geknabbert, aber der Komplettabriss ist erst einmal angehalten.

Es kann zwar nicht jedes Fabrikgebäude gleich ein Walter-Gropius-Bau sein wie die Schuhleistenfabrik in Lüdenscheid, die jetzt als Unesco-Weltkulturerbe anerkannt wurde. Aber Prof. Dr. Walter Buschmann sieht auch hier Einmaliges. Er ist beim Landschaftsverband, Amt für Denkmalpflege im Rheinland, zuständig für den Bereich Industriekultur. Bisher gab er seine Auskunft der Stadt nur mündlich, will in diesen Tagen einen schriftlichen Bericht folgen lassen.

Wichtig sei vor allem, welchen Gebäudeteil er als erhaltenswert benennen wolle und die Begründung dafür, darauf wartet man im Rathaus. Es geht wohl um die Ziegel-Fassade zur Bahnhofsseite, bestätigt Kämmerer Willibrord Haas. Aber auch ein Umspannwerk, eine Trafostation und Konstruktionsteile könnten denkmalwert sein.

Das bedeute nicht, dass sie zwanghaft erhalten bleiben müssten, schätzt Baudezernent Jürgen Rauer die Lage auf NRZ-Anfrage ein. Was mit einem denkmalwerten Gebäudeteil geschieht, liegt nicht mehr im Ermessen von Prof. Dr. Buschmann, sondern in den Händen der Stadt. „Eine denkmalverträgliche Nutzung muss wirtschaftlich vertretbar sein“, umfasst es Rauer. Die Nutzung muss in ein Gesamtkonzept einzubinden sein.

Wie beim alten Schützenhaus

Als Vergleich nennt er das alte Schützenhaus früher am Tiergarten, dessen schöne Holzkonstruktion eindeutig denkmalwert war, das aber doch abgerissen wurde, „weil eine Nutzung nicht infrage kam“, so Rauer, denn Renovierung und Unterhaltung des Gebäudes wären nicht zu finanzieren gewesen.

Das leere Union-Firmengebäude und Gelände an der van-den-Bergh-Straße hatte die Klever Zevens-Grundbesitz GmbH vom Unilever-Konzern für eine symbolische Summe gekauft. Zur aktuellen Denkmallage sagt Geschäftsführer Jochen Koenen nur: „Kein Kommentar“. Bekanntlich will die Stadt im Zuge der Unterstadt-Umstrukturierung dort Gewerbe und Wohnen ermöglichen. „Eine ganze Palette wäre denkbar“, hält Rauer alles offen. Die Politik entscheidet.

Im Unionsgebäude liegt etwas mehr als ein Jahrhundert Industriekultur übereinander. Mancher Trakt ist modern und neu, als wenn sofort dort weiter produziert werden könnte, andere Bereiche atmen die Geschichte der Jahrhundertwende. Immer wieder wurde angebaut.

Der Niederländer Simon van den Bergh begann 1888 die fabrikmäßige Produktion von Margarine als Alternative zur doppelt so teuren Butter, so geht aus Kleves Chronik hervor. Zollvorteile, niederrheinische Milch und Arbeitskräfte bot der Standort Kleve. Aber die Stadt lehnte ab aus Sorge um den guten Ruf als Kurbad. Das damals eigenständige Kellen griff zu und bekam die Steuereinnahmen. Mit 14 Mitarbeitern fing es an, bald hatten Tausende ihren geliebten Arbeitsplatz „op de Botter“ mit vorbildlichen sozialen Leistungen. Höchststand der Produktion 1913: 40 000 Tonnen. Zu Markennamen wurden „Sanella“, (übrigens in Konkurrenz zu „Rama“ von Firma Jurgens in Goch, die 1929 mit der Union fusionierten). Man schloss sich mit dem englischen Seifenhersteller zu „Unilever“ zusammen. Bekannt wurden die Margarinen „Cleverstolz“ und die koschere „Sana“ (mit Mandelmilch statt Kuhmilch). später auch „SB“, “du darfst“, „becel“ und „Lätta“.

Sanella, Rama, duschdas und Knorr

Hinzu kamen Pfanni, Knorr und Unox ebenso wie Rexona, duschdas, Signal als auch Viss, Omo und mehr. Heute beschäftigt der Unilever-Konzern weltweit 164 000 Mitarbeiter in über 100 Ländern, davon 6700 in Deutschland.

Kleve gilt heute als modernster Produktionsstandort Europas im Unilever-Konzern. Im Neubau an der van-den-Bergh-Straße werden ausschließlich „Rama cremefine“ und Soßen gefertigt.

 
 

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