Vor 125 Jahren gab es hier die erste Margarine

Historische Aufnahme: Die van-den-Bergh-Margarine-Werke von 1925.
Historische Aufnahme: Die van-den-Bergh-Margarine-Werke von 1925.
Foto: privat
Mit 14 Arbeitern fing alles an, 1250 Leute „op de Botter“ sollten es dann werden. Van den Bergh und Jurgens starteten in Kellen und Goch. Die Stadt Kleve wollte damals die Fabrik nicht haben.

Kleve..  Das erste Stück Butter wurde heute vor genau 125 Jahren in Kleve hergestellt. Ein Grund, in die Historie zu blicken.

Mitte 19. Jahrhundert aß Mann erstmals am Arbeitsplatz: der Fabrik. Nahrhaftes Fett war teuer, Butter doppelt so sehr wie Margarine. Als auf niederländische Importe Zoll gelegt wird, kommen 1888 Simon van den Bergh und Bruder aus Oss/NL und gleichzeitig „Jurgens & Prinzen“ über die Grenze: Da gab’s Milchkühe, Arbeitskräfte und Wege ins Ruhrgebiet.

In der Kernstadt Kleve sorgen sich die Stadtväter um den guten Ruf des Kurbades und lehnen die Firmenansiedlung ab – und verloren so Jahrzehnte an Gewerbesteuern. Die „Van den Berghsche Margarinewerke“ gründen sich im eigenständige Kellen, das erst 80 Jahre später eingemeindet wird. Jurgens gehen nach Goch.

37 000 Tonnen im Jahr

Anfangs produzieren in Kellen 14 Mitarbeiter 60 Tonnen Margarine, 1895 dann 250 Tonnen. Tausend Arbeiter und 300 in der Verwaltung verdanken ihren Job dem Manager Johann Manger, der auch die Kistenfabrik und Clivia-Ölwerke und „Sana“, die Fabrik für koschere Produkte, gründet. „Clever Stolz“ gibt es seit 1907. 1906 beträgt die Margarine-Jahresproduktion 37 000 Tonnen – ein Viertel in Deutschland.

Manger und die van den Berghs achteten auf das Wohl ihrer Mitarbeiter. Es gibt eine eigene Betriebskrankenkasse, eigene Sparkasse, Sanitätskolonne, eigene Badeanstalt, kostenlos Kaffee mit Sahne für alle. Man spielt in der Werkskapelle (seit 1903) und macht in der Firmenfeuerwehr mit (seit 1901). Wer „op de Botter“ arbeitet, tut es gern und hat den Arbeitsplatz sicher. Auch für umliegende Handwerker. Die Firma expandiert, kauft neue Standorte hinzu.

1913 lag die Produktion bei 40 000 Tonnen, doch der 1. Weltkrieg bremste die Rohstofflieferungen, der Konsum staatlich begrenzt. Im Klever Werk hielten zu Kriegszeiten Jugendliche den Betrieb am Laufen. Nach dem 1. Weltkrieg boomte die Margarineproduktion kurzzeitig – 480 000 Tonnen –, sank aber zu Inflationszeiten.

1924 brachte van den Bergh in Kleve den „Schwan im Blauband“, und Jurgens zeitgleich rahmige „Rahma“ auf den Markt (das „h“ musste per Gesetz gestrichen werden). Erstmals fluteten riesige Werbeaktionen durch Deutschland. Zu „Rama“ gehörten gemalte Kinder-Geschichten vom Jungen Coco aus Usambara/Deutsch-Ostafrika und vom „lustigen Fips“: Die größte Zeitung der Welt mit acht Millionen Exemplaren. „Die Kinder entschieden den Erfolg der Margarine mit,“ urteilen die Firmenchefs heute.

1929 entschlossen sich van den Bergh und Jurgens zur Fusion als „Margarine-Union“, bevor der heftige Konkurrenzkampf beide ruiniert hätte. Sie taten sich zudem mit dem englischen Seifenhersteller Lever zusammen – die Basis bis heute.

1937 wurde Personal an der Klever Werkspitze ausgewechselt, 1942 der niederländische Name geändert. Im Großdeutschen Reich gab es nur eine Margarinesorte. Von 148 Betrieben vor dem Krieg blieben 33.

Nach dem Bombardement am 7. Oktober 1944 griffen viele Mitarbeiter aus der „Botter“-Familie zum Hammer und bauten wieder auf. Aus England (Lever-Konzern) und Holland kam Material. 1948 gingen die „van den Bergh Margarine-Werke Kleve“ wieder an den Start. Die Zahl der Arbeiter stieg von 233 in fünf Jahren auf 1253.

Viel Geld wurde in die Forschung und Automatisierung gesteckt. Ende der 60er Jahre kamen Diät-Margarine (becel, du darfst, Lätta) zur Produktpalette.

1985 kauft sich Nestlé ins Imperium ein. Bald fiel die Produktion in Kleve weg. Zum Abriss frei wurde das Grundstück 2001 an Bernd Zevens verkauft, der sich aber mit Wagemut und Heimatliebe um einen Blitz-Aufbau eines Werkes für „Rama-Cremefine“ von Unilever bewarb und den Zuschlag erhielt. 85 Mitarbeiter sind heute in der modernsten Produktionshalle Deutschlands neben der abgerissenen Alt-Fabrik tätig.

 
 

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