Verdamp lang her...

Klaus Hübner
Wolfgang Niedecken in der Viller Mühle in Goch-Kessel.
Wolfgang Niedecken in der Viller Mühle in Goch-Kessel.
Foto: WAZ FotoPool
„Für ‘ne Moment“ hielt die Viller Mühle den Atem an, als Wolfgang Niedecken aus seinem Leben erzählte.

Goch.  Verdamp lang her, dass ein Junge im katholischen Internat das Fürchten lernte und später gegen Autoritäten rebellierte. Verdamp lang her, das in der Kölner Südstadt ein junger Gitarrendebütant englische Songtexte ignorierte und in Kölscher Mundart vom Domstadtalltag sang. Ja, verdamp lang her, aber nicht lang genug, dass Wolfgang Niedecken davon nicht erzählen könnte.

„Für ‘ne Moment“ – Titel von Niedeckens Autobiographie – stand das aktuell aufwühlende, aus Steuerhinterziehungsaffären und Quotenregelungsversuchen bestehende Tagesgeschäft zugunsten einer nachdenklich-sympathischen Abendaktivität still. Der ehemalige BAP-Sänger und -gitarrist widmete sich in der Viller Mühle in Hassum beim wahnsinnigen Puppenspieler Heinz Bömler ausgiebig und fast den kompletten Abend zwischen Tagesschau und Mitternacht beanspruchend der persönlichen Rückschau in künstlerische Gebiete.

Ein authentisches Original

Wolfgang Niedecken präsentiert sich nicht erst seit vorgestern als ein Künstler, dem man zuhört. Er ist einfach ein authentisches Original, das zwar Kölsch redet, aber hochdeutsch denkt. Dem es gelingt, eine nahezu andächtige Stille beim Publikum abzufordern, wenn er von seinen Startversuchen als Malerassistent beim Maler Larry Rivers in New York erzählt. Oder vom Lebensmittelladen seiner Eltern im Severinsviertel der Kölner Südstadt, wo der Vater abends aus Sparsamkeitsgründen das ewige Licht ausmacht. Viele Zuhörer fühlten sich ins Herz getroffen, als er von den spießigen und muffigen fünfziger Jahren erzählte, von gewaltbeherrschter Erziehung und erbärmlichen Unterdrückungsmethoden, die er insbesondere in einem Internat in Rheinbach zu spüren bekam. Die Kinder dort reinigten Wände mit Radiergummis, seien brutal verprügelt und gefoltert und von katholischen „Seelsorgern“ missbraucht worden. „Da herrschte militärischer Drill.“

Obwohl auch Wolfgang Niedecken schreckliches erduldete, ist ihm Humor nicht fremd geblieben. Sein Ding ist nicht dieser oft platte, direkt-raue Kölsche Karnevalshochburghumor, sondern der fein gesetzte, der mehr das Schmunzeln als den lauten Brüller provoziert.

Seine Geschichten aus einem Leben, das zwischen bildender Kunst und Musik begann, scheinen nichts zu verheimlichen, weder das schwierige Verhältnis zum Vater noch die lustigen Stories über die rebellischen sechziger Jahre. Seine musikalische Karriere begann als Sänger einer Coverband in karierten Mick-Jagger-Hosen und führte ihn zu großer Bekanntheit, weil er eine besondere Sparte deutscher Liedermacherei beackerte: Mundart-Rock’n’Roll, den er nach den gelobten Vorreiterspielen der Bläck Föös populär machte. In zum Vorgelesenen passenden Songs verführte Niedecken das Publikum zu absolutem Stillschweigen – ein Zeichen für ungeteilte Aufmerksamkeit und keines für Desinteresse.

Stromausfall bei der Zugabe

Soziales und gesellschaftliches Engagement zählen für Niedecken zum Fundus eines aufgeklärten Menschen. Seine Erzählungen aus Uganda, wo er das Elend der Kindersoldaten während der Herrschaft des Terroristen Joseph Kony erlebte, drehten den Lautstärkepegel noch weiter herunter. Ausgerechnet bei der Zugabe fiel der Strom aus – höhere Gewalt einer höheren Macht oder Widerstand des Stromnetzes wegen stundenlanger Anforderung? Wolfgang Niedecken jedenfalls hat sich in der Viller Mühle nicht lumpen lassen und stand drei Stunden als Alleinunterhalter auf der Bühne.