Und welche Verantwortung haben wir?

Presseclub bei der NRZ. Jan Jessen, Andreas Gebbink, Olaf Plotke, Heiner Frost, Sigrun Hintzen, Ralf Daute, Klaus Schürmanns und Artur Leenders (von links).
Presseclub bei der NRZ. Jan Jessen, Andreas Gebbink, Olaf Plotke, Heiner Frost, Sigrun Hintzen, Ralf Daute, Klaus Schürmanns und Artur Leenders (von links).
Foto: WAZ FotoPool
NRZ-Serie: Lokaljournalisten aus Kleve diskutierten über ihre Rolle als Demokratiewächter.Sigrun Hintzen und Artur Leenders führten das Gespräch bei der NRZ

Kleve.  Lokale Medien sind ein wichtiger Baustein im demokratischen Willensbildungsprozess. Sie berichten über die Pläne von Stadtverwaltungen, über die Entscheidungen der Kommunalpolitik und über bürgerlichen Protest. Aber wie gut bewältigen sie diese Aufgabe? Wie sehen lokale Politiker die Arbeit der Medien?

Darüber haben bei einem Redaktionsbesuch bei der NRZ mehrere Journalisten aus dem Kleverland diskutiert. Namentlich: Ralf Daute (Kleveblog), Heiner Frost (Niederrhein Nachrichten), Olaf Plotke (Kurier am Sonntag), Klaus Schürmanns (Klever Wochenblatt) und NRZ-Redaktionsleiter Andreas Gebbink. Moderiert wurde die Diskussionsrunde von der engagierten Klever Bürgerin und kritischen Zeitungsleserin Sigrun Hintzen und dem stellvertretenden Klever Bürgermeister Artur Leenders (Grüne), der mit Ende der Wahlperiode aus der aktiven Lokalpolitik ausscheidet.


Sigrun Hintzen: Zeitungen sind für mich das wichtigste Kommunikationsmedium zwischen der Lokalpolitik und mir als Bürger. Mir stellt sich die Frage: Unter welchen Bedingungen arbeiten Sie? Was sind die Qualitätskriterien, die Sie sich selbst setzen?


Andreas Gebbink: Am Wichtigsten ist es, sich zu den Themen, über die man berichtet, eine zweite Meinung einzuholen. Ein Beispiel: Die CDU macht in Kleve eine Pressekonferenz zur Unterstadtbebauung. Dann sollte man dazu auch mit anderen Parteien oder Experten sprechen, um das Thema umfassend abbilden zu können. Das würde ich als Qualitätsmerkmal verstehen.


Klaus Schürmanns: Ich glaube allerdings, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Zeitungsredakteure immer bestimmen konnten, wie oder was diskutiert wird. Heute stellen die Parteien ihre Pressemitteilungen einfach ins Internet und schon melden sich die Bürger zu Wort und diskutieren. So wie das jetzt bei den Plänen für die Neugestaltung der Parkplätze am Gemeindezentrum in Bedburg-Hau geschehen ist.


Olaf Plotke: Genau das empfinde ich als Problem. Meiner Meinung nach sollten Parteiveröffentlichungen nicht einfach eins zu eins auf Internetseiten der Zeitungen oder schlimmer noch in die gedruckten Ausgaben übernommen werden. Ich erwarte von Journalisten profunde Kenntnisse und die Fähigkeit lokale Geschehnisse beurteilen und für die Leser einordnen zu können.


Ralf Daute: Ich glaube, dass der Bürger mündig genug ist und viele Dinge selbst einordnen kann. Das Internet bietet großartige Möglichkeiten zur Dokumentation. Für die komprimierende, einordnende Darstellung ist die Zeitung zuständig.


Artur Leenders: Was mir schon ziemlich auf den Senkel geht, ist die ständige Unterscheidung von Bürgern und Politikern in den lokalen Medien. Wir sind hier keine Berufspolitiker und arbeiten ehrenamtlich. Da werden auf lokaler Ebene Gegensätze geschaffen, die die repräsentative Demokratie ad absurdum führen...

Olaf Plotke
: ...es ist schon richtig: Wir heben die Kommunalpolitik in die Sphäre der Bundespolitik....


Artur Leenders: ...und dann werden da Interessenskonflikte konstruiert. Da besteht die Gefahr, dass völlig unreflektierte Kritik überhöht wird.


Olaf Plotke: Das gilt insbesondere für das Internet. Früher haben die Leute Leserbriefe geschrieben. Da hat man lange überlegt. Heute wird im Internet teilweise völlig unreflektiert kommentiert.


Ralf Daute: Deswegen tragen die Neuen Medien zum öffentlichen Diskurs bei. Es werden eben andere Stimmen gehört.


Klaus Schürmanns: Auch das sind ja Stimmen der Bürger. Es sind eben einfach mehr geworden.


Artur Leenders
: Das Problem der Zeitungen ist, dass sie in Zeiten des Internets oft zu spät kommen. Viele Sachen stehen blitzschnell im Netz. Deswegen neigen manche Leute dazu, ihre Meinung abzugeben, ohne sich richtig informiert zu haben.


Sigrun Hintzen: Es wäre dann doch die Aufgabe der Zeitung, weiter nachzufragen, oder?


Ralf Daute: Geschwindigkeit ist kein Selbstzweck. Das sollte auch für das Internet gelten. Auch Blogs können sich Zeit für vernünftige Recherchen nehmen.

Heiner Frost
: Darüber müssen wir als Journalisten reflektieren.


Andreas Gebbink: Natürlich lesen wir auch, was im Netz geschrieben wird. Das Internet ist ein Recherchewerkzeug wie viele andere. Als Zeitungen versuchen wir mitunter auch das, was im Netz geschrieben wird, weiter zu entwickeln.


Artur Leenders: Ich empfinde die Geschwindigkeit als Problem. Oft legen sich Politiker mittlerweile fest, bevor sie sich umfassend informiert haben, einfach, weil man so frühzeitig angesprochen wird.


Andreas Gebbink: ...und wenn ein Politiker später seine Meinung ändert, gilt er als Wendehals.

Sigrun Hintzen
: Jedenfalls halte ich es für das Beste, wenn Leser sich auf Basis umfassender Informationen eine Meinung bilden können. Wie unabhängig können Sie berichten?


Olaf Plotke: Das Problem ist, dass viele Journalisten eine gewisse Verwaltungshörigkeit haben.


Ralf Daute: Lokaljournalismus ist das schwerste Geschäft von allen. Es wird von uns Distanz erwartet. Aber diejenigen, über die man schreibt, sieht man jeden Tag. Und manchmal wollen Kollegen ja auch ganz gerne zu den Kreisen gehören, über die sie schreiben.


Andreas Gebbink: Die Unabhängigkeit der Berichterstattung wird durch diese Nähe sicherlich beeinflusst. Wenn man beispielsweise Informanten hat, die einen mit Hintergründen oder wichtigen Inhalten aus nichtöffentlichen Sitzungen füttern, dann tut man sich schwer, sie im Fall des Falles zu beißen.


Olaf Plotke: Natürlich gibt es manchmal Probleme. Aber da muss ich als Journalist durch. Wenn jemand nicht mit dem einverstanden ist, was ich schreibe und ich zu einer Pressekonferenz nicht mehr eingeladen werde, dann ist das eben Pech des Einladenden – er kommt dann halt nicht mehr vor.


Artur Leenders: Und wir in Kleve bieten auch weniger Angriffsfläche als früher. Früher endeten viele Ratssitzungen nach zehn Minuten in Gebrüll. Jetzt werden nahezu alle Entscheidungen einstimmig getroffen. Wir bemühen uns sehr, Einstimmigkeit herzustellen.


Olaf Plotke
: Um sich unterscheidbar zu machen, werden deshalb von den Parteien manchmal aber auch Marginalien aufgeblasen. Dann schlagen manchmal Dinge in einer Wichtigkeit in den Medien auf, die sie eigentlich nicht verdienen.

 
 

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