Rotwild auf der Flucht

Braucht für die Brunft Platz und Ruhe: Im Reichswald hat das Rotwild laut Förstern Probleme wegen zu vieler Schatzsucher, so genannter Geocacher. Foto: Deutsche Wildtier Stiftung
Braucht für die Brunft Platz und Ruhe: Im Reichswald hat das Rotwild laut Förstern Probleme wegen zu vieler Schatzsucher, so genannter Geocacher. Foto: Deutsche Wildtier Stiftung
Foto: Deutsche Wildtier Stiftung / T.
Wie schädlich können Menschen für den Wald sein, die sich selbst die Freizeit in einer intakten Natur auf die Fahnen geschrieben haben?

Kreis Kleve. Im Klever Reichswald werden Waldbesucher aus Sicht der Förster zum Problem. „Das Rotwild konnte in diesem Jahr nicht an seinen gewohnten Flächen in die Brunft“, klagt Stefan Spinner. Weil sie immer wieder vor Waldbesuchern flohen, mussten sich die rund 150 Tiere, die in Gruppen von bis zu 20 im Reichswald zwischen Kleve, Kranenburg und Goch unterwegs sind, weit zurückziehen. Sie „erlitten auf engerem Raum Stress“ und so habe es auch „mehr Kämpfe zwischen den rivalisierenden Hirschen, die auch tödlich enden können, gegeben.“

Die Förster am Niederrhein wollen unter den Waldbesuchern nun Geocacher als Ursache ausgemacht haben – diese gehen mit Navigations-Geräten auf eine Art elektronische Schnitzeljagd. Die hiesigen Geocacher wiederum sehen das Problem bei einigen schwarzen Schafen – und bei Holländern, die im Kreis Kleve die restriktiveren Auflagen in ihrem eigenen Land umgehen.

„Da kommt kein Tier
mehr zur Ruhe“

Treffpunkt an einer „Äsungsstelle“ – einem der breiten freien Streifen, die sich, ursprünglich als Brandschutz angelegt, durch den Wald ziehen. Hier halten sich die Tiere sonst auf. Förster Spinner holt unter einem losen Stück Baumrinde am Wegesrand ein Plastikröhrchen hervor. Darin: ellenlange Listen mit Einträgen der Besucher. Beim Geocaching geht es darum, solche Verstecke mit GPS (Die Technik wird auch für Auto-Navigationsgeräte genutzt) zu finden. Allein im Reichswald gibt es Dutzende solcher Verstecke. Und offenbar jährlich bis zu Hunderte Menschen, die sie suchen. „Das sind täglich um die sieben Einträge, manche erst um 0.50 Uhr“, sagt Spinner und blättert durch die Seiten. „Ab und zu mal jemand ist ja noch okay. Aber bei der Masse kommt doch kein Tier mehr zur Ruhe!“

Außerdem ziehen sich rund um den Fundort meterlange Trampelpfade durchs Unterholz. Denn nicht jeder erkennt gleich die Holzrinde am Wegesrand als Tarnung, die Geräte fürs Geocaching sind um einige Meter ungenau. Und Förster Spinner hat beobachtet: „Von hier aus gehen nicht alle über die angelegten Wege zum nächsten Versteck.“ Viele „trampeln“ stattdessen über die Schneisen, manche quer durch den dichten Wald. Die Steigerung: „Wenn die nachts unterwegs sind, da schwillt uns der Kamm“, sagt er. „Ich saß mal mit einem Jagdgast auf dem Hochstand und die kamen als dunkle Schemen auf uns zu, haben dann die Taschenlampen eingeschaltet“, erinnert Spinner sich. „Kein Jäger wird auf etwas schießen, was er nicht ganz genau erkennt. Aber wie man sich freiwillig in eine solche Gefahr begeben kann...“

Für Geocacher sind das zum Teil lang bekannte Vorwürfe – die diejenigen aber von sich weisen, die das Hobby in ihrer eigenen Nachbarschaft und mit viel Aufwand betreiben. „Die Grundidee ist, rauszukommen und in einer intakten Natur unterwegs zu sein“, betont etwa Geocacherin Petra Hölscher aus Kleve. Dabei ist sie durchaus nicht damit einverstanden, wie manch andere das Hobby betreiben.

Wo es aussieht, als hätten da die Wildschweine gehaust, ist es für uns auch peinlich“, stellt Geocacherin Hölscher klar. Allerdings sei es mitnichten so, dass die Mehrzahl der Geocacher den Wald zerstöre. „Plätze kann man vernünftig hinterlassen, auf den Waldwegen laufen und leise und mit Geduld unterwegs sein“, sagt Hölscher.

Sie legt selbst Verstecke in der Region an, hinterlässt anderen Hinweise im Internet, wo diese dann zu suchen haben. „Bei jedem Cache gebe ich einen Hinweise dazu“, erklärt sie. „Wenn dort nachts nicht gesucht werden soll, weil die Tiere Ruhe brauchen. Oder Tipps, wenn man es nicht sofort findet, damit sich niemand durchs Unterholz schlagen muss.“

Von den Förstern fühlt sie sich allerdings angegriffen. „Die scheren die Geocacher über einen Kamm“, klagt sie. Auch umsichtige Geocacher würden im Wald unfreundlich von Förstern angesprochen. Das beklagt auch Achim Matenaar, einer der aktivsten Geocacher der Region. Er habe bislang nicht den Eindruck gehabt, dass „die Förster gesprächsbereit“ seien, sagt er. Dabei wisse er, dass davon beide Seiten profitieren können.

Vom Wissen der Förster
profitieren

Wann die Brunft ist? Dass sich Rotwild als Wiederkäuer stundenlang hinsetzt und verdaut? Wie sehr Nachtwanderungen die Tiere stören? „Ein Großteil der Geocacher wird das gar nicht wissen“, so Matenaar.

Kommunikationsprobleme nennt aber auch Förster Stefan Spinner. „Bei mir hat sich noch nie jemand gemeldet, ob er einen Geocache verlegen kann.“ Und auch wenn er, an einer anderen Fundstelle mit einer großen Tupperdose in der Hand, sagt: „Aus unserer Sicht ist das Müll, das hat hier im Wald nichts zu suchen.“: Ihm ist längst klar, dass Vertreiben nicht die Lösung ist. „Ich habe mal eine der Dosen weggeworfen. Weil weiter alle danach suchten, wurde es nur noch schlimmer.“ Und da laut Landesforstgesetz der Wald „zum Zwecke der Erholung“ betreten werde dürfe, könne er allenfalls den belangen, der etwas im Wald hinterlässt, nicht aber den, der danach sucht.

Im NRZ-Gespräch erklärte er sich bereit, sich demnächst mit den Geocachern zu treffen. Es liege ja auch in deren Interesse, mehr über den Wald zu erfahren. So ein Trip ins Unterholz sei nicht ohne: „Kommen Sie einer Bache mit Jungen zu nah, wird sie angreifen. In der Brunft wird der Hirsch bei jedem Geräusch von einem Rivalen ausgehen und kommen.“

 
 

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