Problem-Jugendliche ziehen um

Astrid Hoyer-Holderberg
Das heutige Seniorenheim Borgardtshof. Foto: Heinz Holzbach / Waz FotoPool
Das heutige Seniorenheim Borgardtshof. Foto: Heinz Holzbach / Waz FotoPool
Foto: Kleve

Pfalzdorf/Nierswalde. Aufregung herrscht bei einigen Anwohnern in Pfalzdorf und Nierswalde. Die Seniorenpension Borgardtshof wird wohl schließen. Statt dessen sollen im August straffällig gewordene Jugendliche hier auf den rechten Weg gebracht werden. Die Anwohner ahnen „Gewaltpotenzial“ in ihrer Nachbarschaft und sammelten 200 Unterschriften dagegen.

Jedoch appelliert Hausleiter Christian Zschiedrich im Namen der 13- bis 16-Jährigen: „Unsere Jungs haben noch nie eine wirkliche Chance in ihrem Leben gehabt. Bei uns lernen sie zum ersten Mal Regeln, Beziehungen und Verantwortung.“

Keine Panikproduzieren

„Es ist niemandem dran gelegen, Panik zu produzieren“, heißt auch die Antwort der Stadtverwaltung Goch. Bürgermeister Karl-Heinz Otto nehme zwar die „Befürchtungen der Anwohner wahr, hat aber keine Handhabe. Die Stadt ist lediglich baurechtlich beteiligt. Fachlich ist das Landesjugendamt zuständig“, so Stadtsprecher Torsten Matenaers. Auf Aufklärung setzt die Kaiserwerther Diakonie, die Träger der Einrichtung sein wird. Sie lädt am kommenden Freitag, 20 Uhr, alle Bürger ins Nierswalder Landhaus zur Info-Veranstaltung.

Zunächst acht Jungs ziehen um – und zwar aus „Haus Ausblick“, in dem seit 2008 in Till-Moyland delinquente Jugendliche intensiv betreut werden und sich Normalität erarbeiten. In Till-Moyland ist nicht genügend Platz für das neue Konzept, das in verschiedenen Stufen auf Intensiv-Pädagogik, dann Trainingsgruppen mit mehr Freiheiten und schließlich auf Eigenständigkeit setzt. In Nierswalde zwischen Klever Straße und Waldstraße sollen sukzessive zwei Gruppen zu je sieben Jungs wohnen, später als dreiköpfige Trainingsgruppen flexibel den Schritt ins eigenständige Leben üben (insgesamt Platz für 24 Personen). Gesamtaufenthalt circa ein bis zwei Jahre.

„Grundsätzlich kommt hier niemand hin, dem Gewaltverbrechen wie etwa Körperverletzung vorgeworfen wird“, betont Wolfram Scharenberg von der Kaiserswerther Diakonie. Vielmehr sollen die Jungen, die oft aus zerrütteten Elternhäusern und oft aus Großstädten stammen, erkennen, dass und wie „man miteinander auskommen kann“.

Vorurteilesind alt

Das gelinge auch Jugendlichen in „Haus Ausblick“, auch der Besuch einer Regelschule mit Lob vom Lehrer. Bedburg-Haus Bürgermeister Peter Driessen: „Ich habe von keinen Vorkommnissen gehört.“

Die Vorurteile, die es gegen dieses Haus gibt, stammen noch aus dem Anfangsjahr, „Kinderkrankheiten“ im System. Da büxten Jugendliche aus. Die aufgebrachten Nierswalder Bürger hörten entsetzt von Haustieren, die „einfach erschlagen wurden – müssen wir erst abwarten, ob demnächst nicht nur Haustiere erschlagen werden?“, schreiben sie an den Bürgermeister.

Scharenberg forschte nach: „Ja, im Anfangsjahr kam einmal ein Kaninchen zu Tode.“ Daraus lasse sich aber nicht ein Urteil über die heute dort lebenden Jugendlichen und heutige Betreuer fällen. Der neue Leiter habe viel Erfahrung mit problembeladenen Jugendlichen. Bei diesem emotional knochenharten Job sei hohe Fluktuation normal. Es bleibt beim Konzept „Menschen statt Mauern“, Erziehung statt Strafe. Auch wenn die Nierswalder Bürger die Jungs mit „Sicherheitsvorkehrungen“ auf LVR-Klinikgelände in Bedburg-Hau unterbringen möchten.

Das Landesjugendamt – ebenfalls beim LVR angesiedelt – ist seit einem Jahr beteiligt, die größere Immobilie zu finden, sagt Sprecherin Katharina Landorff. „Es gibt pro Junge eine 1:1-Betreuung 24 Stunden im Schichtdienst.“ Laut Kaiserswerther Diakonie laufe im Kreis Kleve die Zusammenarbeit mit Jugendämtern, Kreis, Polizei, Schulen und Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik gut.

Auf 18 000Quadratmetern

Der Borgardtshof auf 18 000 Quadratmetern werde mit 24 Personen klein sein – andere haben 200, so Lan-dorff. 23 Personen wohnen zurzeit im Borgardtshof, der Seniorenpension. Heimleiter Markus Kremer will verkaufen. Alle Heimbewohner und Mitarbeiter sind informiert. Wenn es zum Umzug komme, haben die relativ fitten Älteren – alle ohne Pflegestufe – Zeit und Ruhe, einen Wohnort zu finden. Die Hälfte stammt aus Duisburg, viele wollen dorthin zurück.

Familie Kremer bleibt hier. Das Ehepaar betreibt einen Cateringservice, kocht für die Heimbewohner und für Schulen „Mahlzeit für Kids“ – und bald für die neue Jugend-Einrichtung. Markus Kremer: „Ich finde es gut, dass sich die Nierswalder Bürger als Dorfgemeinschaft präsentieren. Aber ich habe das super Konzept der Diakonie gelesen. Hierher kommen Kinder, die Stütze brauchen. Ich halte das für wichtig und gut.“

Die NRZ befragte den Allgemeinen Vertreter des Landrates, Wilfried Suerick: „Es steht völlig außer Zweifel, dass auch Nordrhein-Westfalen entsprechende Einrichtungen vorhalten muss.“ Wo, habe er nicht zu beurteilen.