Klare Sicht im Saunaclub

Staatsanwalt Hendrik Timmer aus Kleve in seinem Büro an der Ringstraß.
Staatsanwalt Hendrik Timmer aus Kleve in seinem Büro an der Ringstraß.
Foto: WAZ FotoPool
Staatsanwalt Hendrik Timmer klagte erfolgreich gegen die Bordellbetreiber des Fun-Gardens. Mit seiner Herangehensweise sorgt er nun deutschlandweit für Furore

Kleve.  Für Hendrik Timmer war es der erste Fall im Rotlichtmilieu. Eigentlich bearbeitet der Klever Staatsanwalt klassische Wirtschaftsdelikte wie die Bekämpfung von Schwarzarbeit, die Hinterziehung von Steuern oder Sozialversicherungsbetrug – und nicht die Machenschaften von Bordellbesitzern, Menschenhändlern und Prostituierten. Hendrik Timmer ist sozusagen „nicht vom Fach“, aber im Grunde genommen hat er sich im Fall „Fun-Garden“ auch eher mit der wirtschaftlichen Kriminalität des Emmericher Saunaclubs beschäftigt – und damit offenbar einen wirksamen Hebel zur Bekämpfung illegaler Prostitution gefunden. Der Fall „Fun-Garden“ erregt zurzeit deutschlandweit Aufmerksamkeit.

Steuerhinterziehung

Hendrik Timmer hat im vergangenen Jahr einen neuen Weg gefunden, die Kriminalität in sogenannten Saunaclubs zu bekämpfen. Nicht nur die menschenverachtende Zwangsprostitution und der Menschenhandel waren seine Ansatzpunkte, sondern auch die Hinterziehung von Steuergeldern und Sozialabgaben. Er machte dies zum Gegenstand seiner Anklage gegen die Betreiber des „Fun-Gardens“. Das Landgericht Kleve folgte seiner Argumentation, dass die Prostituierten nicht selbstständig arbeiteten, sondern in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Arbeitgeber standen. Das Gericht stellte fest, dass die beiden Bordellbetreiber 4,1 Millionen Euro an Steuern hinterzogen und Sozialbeiträge nicht gezahlt hätten und verurteilte sie zu Gefängnisstrafen.

Hendrik Timmer erklärt, dass man im Grunde nachweisen müsse, dass die Prostituierten kein selbstständiges Gewerbe betreiben. Im Fall „Fun-Garden“ konnte man schnell stutzig werden. Die Frauen kamen allesamt aus Osteuropa und sprachen kaum deutsch. Die Gewerbeanmeldung wurde ihnen von der Bordellbetreiberin abgenommen: „Aber wie kann jemand ein Gewerbe betreiben, der sich noch nicht einmal selbstständig anmelden kann“, fragte sich Timmer. Für ihn war es ein Ansatzpunkt, sich den Fall genauer anzusehen.

Detaillierte Aufzeichnungen

Der Staatsanwalt steckte viel Zeit in die Vorbereitung der Ermittlungen. Fast anderthalb Jahre dauerte es von der Einleitung des Verfahrens am 17. November 2010 bis zum Zugriff im März 2012. Die enge Zusammenarbeit mit vier Ermittlungsbehörden auf Bundes- und Landesebene zahlte sich am Ende aus. Timmer koordinierte die Aktionen von Kleve aus. Bei einer Durchsuchung des Bordells und der Privaträume des Betreiberehepaares wurde viel belastendes Material gefunden. Detaillierte Aufzeichnungen, die zu einer Verurteilung führten.

Hendrik Timmer weiß, dass es in Deutschland mittlerweile viele bordellähnliche Betriebe gibt, die nach dem Saunaclub-Prinzip funktionieren. Vordergründig arbeiten die Frauen selbstständig, sie zahlen Eintritt und Getränke, bezahlen die Übernachtung. Um herauszufinden, ob die Frauen tatsächlich selbstständig arbeiten, gibt es letztlich viele Einzelfaktoren, die zu prüfen sind. Zum Beispiel, ob sie ein unternehmerisches Risiko tragen, in einen Betriebsablauf integriert oder weisungsgebunden sind. Der Fun-Garden habe zum Beispiel die Werbung für die Frauen übernommen. In Anzeigen hieß es „Unsere Mädels“. Auch das unternehmerische Risiko war nicht vorhanden – sie mussten lediglich den Eintritt und die Übernachtung zahlen.

Angst und Bedrohung

Das eigentliche moralische und menschliche Drama der Prostituierten, ihre Zwangsarbeit und gewalttätige Unterdrückung, ist für die deutschen Gesetzeshüter nur schwer zu beweisen. Auch Hendrik Timmer hat zwölf Fälle von Menschenhandel zur Anklage gebracht, aber nur in „anderthalb Fällen“ gab es deswegen eine Verurteilung. „Wir haben in keinem Fall nachweisen können, dass die Frauen unter einem Vorwand in das Bordell gebracht worden sind“, sagt Timmer, der weiß, dass in der Szene Angst und Bedrohung eine Rolle spielen. Die Aussagen der Prostituierten selbst seien oft widersprüchlich oder aufgrund von Übersetzungsschwierigkeiten schlecht zu verwenden: „Die Klarheit der Zeugenaussagen geht bei Übersetzungen oft verloren“.

Der Fun-Garden in Emmerich hat nach dem Urteil seine Türen geschlossen. Heute heißt der bordellähnliche Betrieb „Sun-Temple“ und wirbt auf der Internetseite mit „Partyabenden der erotischen Art“ und „Wir sind ein reinrassiger Wellness- & Party-Saunaclub und bieten Vergnügen auf höchstem Niveau“. Die zehn leicht bis gar nicht bekleideten „Girls“ werden als Nikki, Ramona und Larissa vorgestellt.

Ist das für einen Staatsanwalt nicht frustrierend? „Es ist ein Kampf gegen Windmühlen“, sagt Timmer kurz und vielsagend.

 
 

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