Kirche: „Wir müssen uns jetzt ändern“

Pfarrer Jürgen Rosen auf der Gemeindeversammlung in der Westkirche in Pfalzdorf.
Pfarrer Jürgen Rosen auf der Gemeindeversammlung in der Westkirche in Pfalzdorf.
Foto: NRZ
Die evangelische Kirche steckt in einem tiefen Strukturwandel. In Pfalzdorf und Nierswalde wird zurzeit intensiv über die Zukunft der Gemeinde und ihre Gebäude diskutiert

Pfalzdorf/ Nierswalde..  Solche unangenehmen Wahrheiten hört man nicht gerne. Aber Pfarrer Armin Rosen hatte gar keine Lust, seinen Gemeindemitgliedern die finanzielle Lage der evangelischen Kirchengemeinde auch nur im Ansatz schön zu reden: „Wir leben über unseren Verhältnisse, wir haben zu viele Gebäude, die in Summe zu viel Geld kosten. Wir wollen offen mit Euch reden, denn wir vom Presbyterium wissen zurzeit auch noch nicht, wie es weiter gehen soll.“

Am Sonntag sollte diskutiert werden. Direkt nach dem Gottesdienst um 9.30 Uhr setzten sich die Gemeindemitglieder aus Pfalzdorf und Nierswalde in der Westkirche zusammen, um Finanzen und Gemeindeleben zu diskutieren. Hartmut Skirlo, der sich als Presbyter um die Gelder der Gemeinde kümmert, schenkte direkt zu Beginn reinen Wein ein: „Vier haben drei Kirchen, ein Gemeindehaus und 2000 Mitglieder. Das passt vorne und hinten nicht. Alle Gebäude sind alt und sanierungsbedürftig. Und wir haben schon in der Vergangenheit viel Geld investieren müssen“, so Skirlo.

Aber dabei bleibe es nicht. Denn auch in den kommenden fünf bis sechs Jahren stehen Investitionen an. In die Westkirche müssen weitere 30 000 Euro investiert werden, in die vom Förderverein jüngst aufpolierte Ostkirche weitere 120 000 Euro. „In Nierswalde – und das hat mich sehr erschrocken – müssen wir 120 bis 130 000 Euro stecken“, sagte Skirlo. Eine Sanierung des Pfälzerheims würde 310 000 Euro kosten. Insgesamt geht es um 600 000 Euro.

„Dazu kommen ja auch noch die Unterhaltungskosten. 70 000 Euro im Jahr“, verdeutlichte Skirlo. „Das wird unseren Finanzrahmen sprengen.“ Trotzdem habe man nicht vor, Kirchen zu schließen. „Aber wir müssen neue Wege finden“, so der Finanzvorstand. Armin Rosen machte allen klar, dass man so nicht mehr weiter machen könne. Spätestens 2016 werde die kirchliche Aufsicht, der Kreissynodalvorstand (KSV), alle Investitionen genehmigen müssen.

Die Gemeinde müsse einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. „Wenn wir die Kirche im Dorf behalten wollen, müssen wir uns jetzt ändern. Das Problem brennt zwar nur auf kleiner Flamme, aber es brennt“, so Rosen.

Die Gemeindemitglieder brachten während der Diskussion die ersten Anregungen und Überlegungen ein. Etwa die Gründung von Fördervereinen, die neue Nutzung der Kirchen oder die Beteiligung von Heimatvereinen an den Gesamtkosten. Eine Vertreterin aus Nierswalde warnte allerdings davor, die Kirche im Dorf zu schließen. „Es gibt noch viele Menschen in Nierswalde, die diese Kirche nach dem Krieg mitaufgebaut haben. Das wäre eine unglaubliche Belastung, wenn wir diese schließen würden.“ Sie gab auch zu bedenken, dass auch die Mehrzweckhalle in Nierswalde geschlossen werden soll. Für das Gemeindeleben bliebe dann nicht mehr viel übrig.

Die Vertreterin regte an, in Pfalzdorf auch stärker mit der katholischen Kirche zu kooperieren: „Warum kann man nicht eine Kirche gemeinsam nutzen“, fragte sie. Die Kosten für ein Pfälzerheim könne man sich sparen. Gemeindeveranstaltung könnten auch in der Kirche selbst organisiert werden.

Pfarrer Rosen sieht in Sachen Kooperationen durchaus Möglichkeiten. So gestalte man mit den Katholiken bereits die Kinder- und Schülergottesdienste. Auch die Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche in Goch könne ausgebaut werden. Denn es sei absehbar, dass auch die Pfarrstellen deutlich zurückgefahren werden. Bis 2030 sollen die Hälfte der Pfarreistellen abgebaut sein, so Rosen.

Wohl kein Gemeindemitglied möchte eine Kirche schließen. Aber es gab auch bittere Einsichten: „Wenn nur noch vier oder fünf Gläubige zum Gottesdienst kommen, dann ist es ein Wahnsinn hier 100 000 Euro reinzustecken. Dann können wir den Gottesdienst auch gleich im Wohnzimmer abhalten“, sagte ein Pfälzer Gemeindemitglied. Es wurde anregt, die Ideen in einem Werkstattverfahren zu vertiefen. Für jedes einzelne Gebäude wolle man Überlegungen anstellen und auch das Gemeindeleben soll unter die Lupe genommen werden. „Es tut weh, wenn man am Wochenende in die Kirche geht und da sitzen nur noch sechs Menschen. Ich frage mich dann wirklich, was wir hier eigentlich machen“, seufzte Hartmut Skirlo.

Andere Gemeindemitglieder betonten, dass ihre Gemeinschaft nicht von einem Gebäude abhänge. So könne man durchaus die Westkirche nicht nur für Gottesdienste, sondern auch für Gemeindeveranstaltungen nutzen.

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