„Keine Geschichte von gestern“

Mini art wagt sich mit seinem Stück „Ännes letzte Reise“ an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte.
Mini art wagt sich mit seinem Stück „Ännes letzte Reise“ an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte.
Foto: WAZ FotoPool
Das Theater mini-art führte ein Theaterstück zum Thema Euthanasie auf

Bedburg-Hau.. Ännes letzte Reise führt von Bedburg-Hau nach Grafeneck. Hier wird sie am 7. März 1940 vergast, zusammen mit 317 anderen Patienten der Heil- und Pflegeanstalt. Dr. Kurt Schumann, Leiter der Anstalt Grafeneck, beschwerte sich in Berlin, weil die Kapazitäten nicht ausreichen: die Gaskammer fasst nur 50 Personen, die Logistik ist schwierig, die Schornsteine rauchen Tag und Nacht. Änne Lehnkering aus Sterkrade ist Opfer des Nationalsozialismus geworden.

Aber was heißt das: Opfer des Nationalsozialismus? In ihrem gut einstündigen Theaterstück „Ännes letzte Reise“ montieren die Schauspieler Crischa Ohler und Sjef van der Linden sowie Regisseur Rinus Knobel Brieftexte, Interviews, fiktive Dialoge und Monologe, dazu Projektionen von Bildern aus Ännes Leben. Und sie richten das Wort ans Publikum: „Du weißt es. Du weißt es auch.“ Diese Meta-Ebene durchzieht das ganze Stück. Was hätte ich gemacht? Wäre ich ein Nazi gewesen? Ein Mitläufer? Ein Überzeugter? Ein Täter?

Zuschauer taucht in Ännes Leben hinein

Halbdokumentarisch, reflektiert und immer mit großem Respekt taucht der Zuschauer in Ännes Leben hinein. Erfährt, wie das lernschwache Kind von Nachbarn ausgegrenzt wird, wie die Familie durch den Ersten Weltkrieg hindurchkommt, wie der Vater stirbt, die Mutter neu heiratet, die Schankwirtschaft der Mutter zunächst floriert und dann in der Weltwirtschaftskrise bankrott geht.

Der Nationalsozialismus nimmt Gestalt an – prägnant etwa in einer Rechenaufgabe, die Ännes Bruder lösen muss: Hier werden die Kosten, die dem Staat für „Schwachsinnige“ entstehen, mit dem Geld gegengerechnet, das eine „gesunde deutsche Familie“ für Wohnraum bezahlen muss. Änne wird zwangssterilisiert, dann in die Anstalt Bedburg-Hau eingewiesen. Hier scheint sie sich aufzugeben. Sie hat allen Grund dazu. Weint nur noch. „Niemand nimmt mich hier in den Arm.“

Manches in der Inszenierung ist simpel, etwa wenn immer wieder Schuberts „Leiermann“ aus der Winterreise erklingt, romantisches Todesstück par excellence. Manches Simple ist stark, etwa wenn am Ende Ännes Bild rot durchkreuzt ist. Das rote Kreuz hat man zuvor auf einer Liste gesehen – auf Listen wird angekreuzt, welche Patienten umgebracht werden sollen. Heute ginge das Listenschreiben schneller und einfacher, man müsste nur irgendein Kästchen mit der Maus anklicken. Es fehlt nur noch die passende Ideologie.

„Das ist keine Geschichte von gestern“, sagte Sigrid Falkenstein nach der Aufführung sichtlich gerührt. Sie ist eine Nichte von Änne Lehnkering und hat deren Leben sehr genau recherchiert.

Sie bedankte sich bei mini-art, dass dieses Theater es schafft, den Jugendlichen die Geschichte zu vermitteln. Ihr Buch „Annas Spuren - Ein Opfer der NS-Euthanasie“ ist ab morgen im Buchhandel erhältlich.

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