„Jetzt erst recht!“

Die Arbeitsgemeinschaft Fairständnis
Die Arbeitsgemeinschaft Fairständnis
Foto: NRZ
Die AG Fairständnis des KAG-Gymnasiums wurde vom bundesweiten Förderprogramm „Demokratisch Handeln“ ausgezeichnet

Kleve.  Kinder gehen werktags zur Schule. Klingt normal, oder? Ist es aber nicht überall. In El Salvador zum Beispiel sind die Wege auf dem Lande weit. Darum unterstützt die AG Fairständnis des Kellener KAG-Gymnasiums seit 20 Jahren eine Partnerschule im zentralamerikanischen Staat. Sie finanziert zum Beispiel LKWs mit, die die Kinder zur Schule bringen. Dreimal waren Schülerinnen und Schüler schon zu Gast in El Salvador. 2015 sollte wieder eine Reise dorthin führen. Zum 20-jährigen Jubiläum.

Bis sich herausstellte: Die Transportfrage ist momentan nicht mehr das größte Problem in der Ortschaft Nueva Esperanza, in der die Schule liegt. Man kann auf dem Schulweg nämlich auch erschossen werden. Dieses Los traf einen 15-jährigen, der auf dem Schul-Transporter unterwegs war. Die Täter: Jugendbanden. Die machen inzwischen nicht nur die Hauptstadt unsicher, sondern das ganze Land. „Sehen, Hören, Schweigen“ – das sei das Motto der Banden, berichtet Musiklehrer Sebastian Thimm. Sie setzen die Familien unter Druck, rekrutieren neue Bandenmitglieder, erpressen und töten.

Klar: Da wurde es nichts mit der Reise. Die AG stürzte in eine Krise. „Wir haben uns persönlich angegriffen gefühlt, weil wir dort ja helfen wollten“, sagt die Schülerin Nele Simons. Wie helfen? Was tun? Informationen aus El Salvador waren kaum zu bekommen, erzählt AG-Leiter Bruno Janßen: „Die Leute dort hatten Angst, dass die Kommunikation abgehört oder mitgelesen wird.“ Schon das könnte ein Todesurteil bedeuten. Schließlich gelang es mit der Unterstützung der Hilfsorganisation Brot für die Welt, zwei Leute aus der Partnerschule nach Kleve einzuladen. Denn, so hatten sich die Schülerinnen und Schüler inzwischen überlegt, dann sollte wenigstens hier eine Geburtstagsfeier stattfinden. „Jetzt erst recht“, so Bruno Janßen.

Bandenterror hautnah

Bei einem vertraulichen Treffen – in der Öffentlichkeit mochten die El Salvadorianer nicht reden – kamen dann Einzelheiten ans Tageslicht: Wie der Bürgermeister mit seiner ganzen Familie nach Nicaragua geflohen ist. Wie die Banden zunehmend an Einfluss gewinnen und sogar Bündnisse mit Politikern eingehen. „Die Teilnehmer unserer AG haben etwas für ihr Leben mitbekommen“, sagt der kommissarische Schulleiter Heinz Bernd Westerhoff. Und er hofft darauf, dass sich vielleicht der eine oder die andere künftig politisch engagieren, weil sie begriffen haben, wie wertvoll unsere Demokratie ist.

Auch wenn die Reise nach El Salvador also nicht stattfand – wie die Gruppe diese Niederlage mitsamt den gruppeninternen Querelen in eine höchst informative Jubiläumsfeier umgemünzt hat, beeindruckte die Jury des Förderprogramms Demokratisch Handeln. Jetzt darf eine achtköpfige Delegation der AG Fairständnis für einige Tage an den Starnberger See reisen, wo eine „Lernstatt Demokratie“ mit Vorträgen und Diskussionen stattfindet. Sie werden dort auf die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker und den Kabarettisten Ökzan Cosar treffen. Eine Lösung für El Salvador werden sie sicher nicht finden – aber hoffentlich dabei mithelfen, dass Deutschland ein demokratischer Rechtsstaat bleibt.

 
 

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