Jazz in der Waschstraße

Foto: WAZ FotoPool

Kleve..  Mexiko, Australien, Holland. Stationen eines musikalischen Trips rund um den Erdball. Ein langes Jahr lang. Und dabei ausgiebig ausländische Fußgängerzonen kennen gelernt.

Total aufregende Abenteuer erlebte Tian alias Christian Korthals während seiner zwölfmonatigen Erderkundung gleichwohl nicht. Jedenfalls hatte er überwiegend ruhiges, bedächtig fließendes Klangmaterial im Gepäck, als er am Sonntagabend seine mit üppiger Folklore ausgerüstete Art des Jazz an einem sehr ungewöhnlichen Ort vorstellte.

Der außergewöhnliche Ort für das Mai-Konzert der Klever Jazzfreunde war die Autowaschstraße „q-wash“ an der Querallee in Materborn. Im Vorraum der Transporthalle, wo sonst die Autos vorgewaschen werden, standen Bühne und Sitzgelegenheiten, draußen vor der Tür ein Getränkewagen. Doch das Publikum hielt sich überwiegend im gekachelten „Jazzclub“ auf, weil die sibirische Frühlingskälte jeden Aufenthalt im Freien verhinderte.

Alle Bürsten standen still, als Tian und Posaunist Achim Fink im Stile einer zweiköpfigen Marching Band mit den Klängen von „My Funny Valentine“ von der Waschstraße aus zur Bühne schritten, um mit Tobias Möller (Schlagzeug), Christoph Siegenthaler (Piano) und Ersatzbassist Jakob Kühnemann vom australischen Kontinent aus musikalisch die Welt zu erläutern. Mit „Bear For Breakfast“ erinnerte Tian an seinen australischen Freund Pete, der ihm seinen Hut als Souvenir geschenkt hatte. Und der nun bei allen Auftritten des jungen Musikers dabei ist.

Leider fehlte Gitarrist Angel Rubio, so dass die vielen spanischen (Flamenco-)Einflüsse nicht ganz so deutlich wurden. Karibische und Latin-Jazz-Elemente fanden sich reichlich in Titeln wie „Echo From The Past“ (eine Hommage an die Jazzballaden) und „Chocolate con Churros“, ein fröhlich anmutender Song über in Madrid gern verspeiste Pommes mit Schokosoße.

Am Ende des zweiten Sets spielte Tian eine böse Hommage an einen holländischen Salat. „Watch Out I Bite“ hieß der Wut-Song, in dem der Saxofonist alles andere als einen kulinarischen Höhepunkt seiner Weltreise kommentierte. Trotzdem blieb er vier Jahre in Holland und studierte in Arnhem.

Die Musik kommt völlig ohne elektronisches Beiwerk aus, das komplett akustische Set mit den samtweichen Saxofonklängen knabbert auch mal polyglott am Hardbop und findet musikalischen Zugang zu Carlos Castanedas Gedanken über die Wirkung von Psychopflanzen.

Seit er den Geruch abgestandener Atemluft und anderer Körperausdünstungen während einer achtundvierzigstündigen Reise in einem Greyhoundbus nach Mexiko aushalten musste, könne er sich sehr gut vorstellen, welche berauschende Wirkung Castaneda beschrieben habe. „Ixtlan“ hieß sein musikalischer Kommentar dazu, eine geruchlose und dennoch benebelnde Ballade.

 
 

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