Im Hamsterrad der Vernunft

Jean-Pierre Wils ist eine Leseratte. Wie viele Bücher er besitzt? „Zu viele“, sagt der in Kranenburg lebende Philosoph.
Jean-Pierre Wils ist eine Leseratte. Wie viele Bücher er besitzt? „Zu viele“, sagt der in Kranenburg lebende Philosoph.
Foto: Kleve
Der Kranenburger Philosoph Jean-Pierre Wils liebt Bücher, sein Pferd Roquefort und forschte über Gotteslästerung

Kranenburg..  Stallgeruch, sagt Jean-Pierre Wils, sei ein wichtiges, notwendiges Schmiermittel gewesen, um auf dem damals von ihm besetzten Tätigkeitsfeld Katholische Moraltheologie überzeugend wirken zu können. „Der fehlte mir etwas.“ Stallgeruch im wortwörtlichen Sinne ist dem Philosophieprofessor nicht fremd: sein Pferd Roquefort, das in Schottheide steht und das er so oft wie möglich reitet, bringt ihn mit. Andererseits bewahrt ihn „die schützende Nähe von Büchern“ davor, „restlos verloren zu sein.“

In Belgien geboren, in Deutschland lebend, in Holland arbeitend – perfekter kann man den europäischen Gedanken nicht leben. „Das ist natürlich zufallsabhängig, durch die Struktur dieser Verhältnisse werde ich jedoch zum Europäer genötigt,“ sagt Jean-Pierre Wils, der in Kranenburg in einem modernen Haus und zwischen vielen Kunstwerken lebt und über Gotteslästerung geforscht hat.

Als überzeugter Europäer und kritischer Philosoph benennt er das Manko europäischer Realität: mangelnde Integration und Blockadepolitik der Nationen. Seit dem zwanzigsten Lebensjahr in Deutschland lebend, verspürt Wils tatsächlich so etwas wie Heimat, ohne dem Begriff eine sentimentale Nähe abzugewinnen. „Wenn ich von Heimat spreche, möchte ich kulturell-intellektuell ein Stück weit verwurzelt sein.“ Oder vielleicht etwas aus dem Stall riechen, in dem die Düfte der Individualität zu Hause sind? „Home is where the heart is“ heißt ein Song der Southernrockband Lynyrd Skynyrd. In ihm pulsiert eine Herzlichkeit, die Jean-Pierre Wils für sich selbst mit niederrheinischer Wohlfühl-Symphatie gefüllt hat.

In Tübingen, eine der bedeutendsten universitären Geistesgrößenbrutstätten, studierte Jean-Pierre Wils katholisch-theologische Ethik. Schon im Gymnasium machte sich ein starkes Interesse für den Katholizismus bemerkbar, ohne dass er sich „dem richtig zugehörig fühlte.“ Flandern sei, sagt er, eine „monoton-religiöse Region, die nur aus Katholizismus bestand.“ Aus dieser Gespaltenheit heraus entschied er sich für ein Philosophie- und Theologiestudium, ohne Fanatismus und ohne frömmelnde Begleit- oder Ausfallerscheinungen.

In Nijmegen besaß Jean-Pierre Wils an der Radboud-Universität viele Jahre einen Lehrstuhl für theologische Ethik, früher einmal Moraltheologie genannt. Als dieser Stuhl eines Tages mit einem lauten Krachen unter ihm zusammenbrach, endete eine lange, kritische Auseinandersetzung mit religiös motivierten Moralfragen. Was auch am fehlenden Stallgeruch lag, wie Wils offen eingesteht. Gestrampelt habe er und sich philosophisch und intellektuell bemüht, „im theologischen Hamsterrad der Vernunft“ die Identifikation in der selbst gewählten Außenseitersituation nicht zu verlieren. „Bis man rausfliegt.“

In gewisser Weise flog Jean-Pierre Wils dann tatsächlich raus, aus dem Hamsterrad und aus der philosophischen Fakultät. Der Knall war 2009 weithin hörbar, der Auslöser residierte in Rom. „Ein derartiger Knall ist in der Regel nicht spontan,“ sagt Wils, „er war fast fünfundzwanzig Jahre lang in Vorbereitung.“ Wils’ innere Zerreißprobe fand ihr Ende in einem Konflikt mit der eine „rechtsradikale, antisemitische, auf jeden Fall antidemokratische Gesinnung“ pflegende Pius-Bruderschaft, den Papst Benedikt XVI zum Entsetzen vieler engagierter Katholiken aus dem Weg räumte. Zur Erinnerung: Papst Benedikt XIV hob die Exkommunizierung von vier Bischöfen der Priesterbruderschaft, darunter der den Holocaust leugnende Richard Williamson, auf.

Austritt aus der Kirche

Jean-Pierre Wils trat konsequenterweise aus der Kirche aus. „Damals war ich Dekan der religionswissenschaftlichen Fakultät und hatte meinen Lehrauftrag bei den Theologen. Der Kirchenaustritt hatte für meine berufliche Situation unmittelbare Konsequenzen.“ Sein Interview mit einer holländischen Zeitung mischte die Medienwelt auf, innerhalb von Stunden verbreitete sich Wils’ Schritt flächendeckend. „Das war der Preis, den man dafür zahlen muss.“ Heute lehrt Wils praktische Philosophie auf politischem und kulturellem Terrain.

Wils steht als Mitglied im Literarischen Quartett, das er seit Jahren mit Eckhard Erdmann im Kranenburger Bahnhof betreibt, in der Öffentlichkeit, seine Analysen sind beim lesehungrigen Publikum sehr beliebt. Er selbst ist, mit Verlaub, eine radikale Leseratte, die im Verschlingen von Büchern eine wahre Meisterschaft erreicht hat. Mit einem gewissen Suchtpotenzial, wie er gesteht.„Mein Werkzeug sind die Bücher der Philosophen, die ich immer wieder lese.“ Wie viele Bücher er besitzt? „Zu viele“, sagt Wils, ohne Zahlen nennen zu können.

 
 

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