Gefangen auf den Rieselfeldern

Das Gefangenenlager in Bedburg-Hau im Jahr 1945.
Das Gefangenenlager in Bedburg-Hau im Jahr 1945.
Foto: NRZ
NRZ-Serie: Vertreibung und Kriegsgefangenschaft. Im Internierungslager Bedburg-Hau lebten 1945 zeitweise bis zu 28 000 Menschen. Und 3000 Stück Großvieh.

Bedburg-Hau..  In die katastrophalen Verhältnisse im Internierungslager Bedburg-Hau platzte eines Tages eine weitere Information, die der damalige ärztliche Klinikdirektor Dr. Arthur Trapet am 13. März 1945 dem Bedburg-Hauer Bürgermeister bekannt gab: „Dieses 3. Zeltlager befindet sich auf einem Gelände, dass im Kanalisationssystem der Siedlung Bedburg-Hau zu den so genannten Rieselfeldern gehört; das heisst: dieses Gelände dient der Abklärung der gesamten Abwässer, also einschließlich der Abwässer aus den Toiletten.“ Trapet äußerte wegen gesundheitlicher Schwierigkeiten große Bedenken gegen die Ansiedlung von Menschen auf diesem Gelände.

Kriegstaktik

Die britischen Truppen wollten unbeobachtet sein, als sie ihre Vorbereitungen für die Rheinüberquerung starteten. „Aus den unmittelbaren Rheingebieten haben sie die deutsche Dorfbevölkerung interniert, damit die nicht die Aufmarsch- und Angriffspläne an die deutsche Wehrmacht verrät,“ sagt Uwe Horschik vom LVR-Museum in Bedburg-Hau. „In der Spitze waren das bis zu 28 000 Personen.“ Nur aus kriegstaktischen Gründen pferchten die Alliierten die Menschen, die aus einem 5,4 Kilometer breiten Landstrich entlang des Rheins – bis zur Landstraße Kleve-Kalkar – evakuiert wurden, in die Landesklinik ein, wo sie auf 980 Kranke (Stand: 21.02.1045) trafen. Etwa 8000 zeitweise Vertriebene kampierten in unwürdigen Zuständen in einer Zeltstadt auf dem Wiesengelände hinter dem Gutshof II, die anderen verteilte das Besatzungsregime auf die als Marine- und Wehrmachtslazarett genutzten Gebäude. Im Internierungslager gab es für die Menschen nichts zu tun. Außer dem Warten auf bessere Zeiten blieb für sie keine Beschäftigung. „Das Klima fördert insbesondere die Erkältungskrankheiten,“ schrieb Dr. Trapet an den Chef der Militärregierung, Major LaSalle.

Dieses Nichtstun zehrte am Nervenkostüm der Menschen, sie weinten ob ihrer desolaten Lage, weggeworfene Konservendosen funktioniert man zu Essgeschirr um. Die Verpflegung der Internierten war von der Anstalt sicher zu stellen. In der Bäckerei arbeiteten rund um die Uhr 34 Bäcker, 20 Metzger schlachteten täglich 18 Stück Großvieh, das in einer Größenordnung von 3000 Stück rund um den Gutshof I dahin vegetierte. Schweine gab es schon nach wenigen Tage nicht mehr, wie Josef Jörissen in seiner „Chronik der Gemeinde Bedburg-Hau“ berichtet. Und: „Die Anstalt glich einem großen Konzentrationslager,“ schreibt Jörissen. Im Flüchtlingslager starben 367 Deportierte, die meisten von ihnen Säuglinge und alte Menschen. Die erbärmliche Kost, so Jörissen, bestand aus mit Kartoffelschalen angedickte Suppe und einer dicken Scheibe Brot mit Fett.

Die Menschen durften das Lager nicht verlassen, jede kleinste Vergünstigung musste die Militärregierung genehmigen. „Dem Anstreicher Balthasar v.B. wird hiermit bescheinigt, dass es im dienstlichen Interesse dringend wünschenswert ist, den Weg zwischen seiner Wohnung … bis zu seiner Dienststelle Bedburg-Hau mit dem Fahrrad zurückzulegen,“ bescheinigte Dr. Trapet. Den im Lager ansässigen Zahnärzten fehlte jedes medizinische Gerät. Zur Behandlung der vielen Erkrankten sei es erforderlich, dass entsprechendes Gerät unbedingt herbei geschafft werden müsse, hielt der von den Engländern eingesetzte Lagerbürgermeister und Landrat Dr. Dr. Jansen in einer Aktennotiz fest.

Schon nach sechs Wochen, nach der Rheinquerung der Engländer und Kanadier am 23. März 1945, durften die Internierten in ihre Häuser zurückkehren. Der Hausrat war kaum noch vorhanden oder zerstört, Betten, Kochherde und Öfen verschwunden. „Am 23. April 1945 war das Lager Bedburg-Hau restlos geleert,“ schreibt Josef Jörissen.

 
 

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