Fritz Leinung, der Versöhner

Ralf Daute
Pastor Fritz Leinung in seiner Heimatstadt Emmerich. Im Hintergrund die Rheinbrücke.fotografieren.
Pastor Fritz Leinung in seiner Heimatstadt Emmerich. Im Hintergrund die Rheinbrücke.fotografieren.
Foto: WAZ FotoPool
Pfarrer Fritz Leinung, 2015 verstorben, sah seine Lebensaufgabe darin, ehemals Verfeindete zusammenzubringen und Ausgestoßene zurück in die Kirche zu holen

Kleve.  Er hatte sich viele Jahre dafür eingesetzt, dass Menschen, die vorher verfeindet waren, wieder zueinander finden, der Brücken baute und Verständigung suchte. Und jetzt, da er zurückgezogen und schwer krank im Herz-Jesu-Kloster lebte, durfte er persönlich erfahren, was es bedeutet, wenn sich andere Menschen um einen kümmern: Die Menschen aus der Klever Klosterpforte, dem Treffpunkt der gesellschaftlichen Randexistenzen, wechselten sich ab, den Mann zu besuchen, der einst die Einrichtung begründet hatte: Pfarrer Fritz Leinung.

Von 1974 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2003 wirkte Fritz Leinung als Pfarrer in der Klever Unterstadtkirche. Es war die erste und einzige Station als Pfarrer im Leben von Leinung, der am 8. Januar 1934 in Emmerich als Sohn eines Rheinschifffahrtspeditionsleiters geboren wurde. Nach dem Abitur 1955 in Emmerich studierte er in Münster Katholische Theologie und gelangte über Stationen in Dinslaken, Beckum, Kleve und Münster schlussendlich wieder nach Kleve, nur wenige Kilometer von seiner Heimatstadt entfernt.

Leinung war historisch interessiert, schrieb mehrere Bücher und entdeckte die Aussöhnung zwischen den im Zweiten Weltkrieg verfeindeten Nationen für sich als Lebensthema. Er engagierte sich für die Freundschaft zwischen Deutschen und Polen, und er knüpfte und hielt die Kontakte zum Bomberpiloten Ray Hamley, der im Zweiten Weltkrieg mit der Royal Air Force Kleve 1944 bombardiert hatte, 40 Jahre später das frühere Ziel besuchte und um Vergebung bat. Aus der engen Freundschaft zwischen dem Pfarrer und dem Piloten entstand das Buch „Ray Hamley und die Kontakte von oben“.

Das Wirken von Fritz Leinung zog Kreise und fand sogar Eingang in die berühmte Rede, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 im Deutschen Bundestag hielt. Weizsäcker sagte damals: „Eine Gemeinde der niederrheinischen Stadt Kleve erhielt neulich Brote aus polnischen Gemeinden als Zeichen der Aussöhnung und Gemeinschaft. Eines dieser Brote hat sie an einen Lehrer nach England geschickt. Denn dieser Lehrer aus England war aus der Anonymität herausgetreten und hatte geschrieben, er habe damals im Krieg als Bombenflieger Kirchen und Wohnhäuser in Kleve zerstört und wünsche sich ein Zeichen der Aussöhnung.“

Das zweite große Anliegen des Geistlichen war in bester christlicher Tradition die Sorge um die Randexistenzen der Wohlstandsgesellschaft – um Obdachlose, um Suchtkranke und um psychisch kranke Menschen. Für sie gründete er, mitten in der Stadt, neben seiner Kirche, die Selbsthilfeeinrichtung „Klosterpforte“.

Deren Anfänge waren spontane Hilfen für Obdachlose aus der Nachbarschaft, weil das städtische Asyl Josephshaus geschlossen wurde und die „Penner“, wie sie abschätzig bezeichnet wurden, sich nun in der Nachbarschaft der Kirche aufhielten. Die Anwohner wollten, dass sie verschwinden. In einer Sonntagspredigt hielt Leinung der Gemeinde den Spiegel vor.

In dem Buch „Treffpunkt Klosterpforte“ erinnerte er sich an die Anfänge der Einrichtung: „An einem der folgenden Sonntage sah die Leseordnung das Evangelium vom Gastmahl vor, dem die Gäste ferngeblieben waren. Während der Predigt sagte ich der Gemeinde: „So läuft das auch hier. Es wurde eingeladen – und fast keiner kam. Jesus sagt, dass in so einem Fall die Leute von den Hecken und Zäunen dran sind, die Randgruppen. So halten wir das jetzt auch. Der Raum neben der Kirchentüre unten im Pfarrhaus wird jetzt den Leuten zur Verfügung gestellt, die man an der Hecke auf dem alten Friedhof antreffen kann.“

Noch heute, mehr als ein Jahrzehnt nach seiner Emeritierung und ein knappes Jahr nach seinem Tod, ist die Klosterpforte eine Instanz im sozialen Leben der Stadt und der Kirchengemeinde. Der Initiator, der anfangs noch Kritik einstecken musste, erhielt im Jahre 2001 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Kleve. Schwerkrank und an den Rollstuhl gefesselt, wechselte Fritz Leinung ein knappes Jahr vor seinem Tod ins Herz-Jesu-Kloster. Dort starb er am 10. Juli 2015.