Freispruch im Missbrauchsprozess

Klaus Hübner

Kleve. Die vorgelegten Beweise reichten zu einer Verurteilung nicht aus. Der Richter kritisierte die Arbeit der Gutachter.

Siegfried T. (Namen geändert) muss nicht ins Gefängnis. Nach acht Hauptverhandlungstagen sprach ihn gestern das Landgericht Kleve vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs frei. Der Angeklagte hatte stets die Vorwürfe, er habe seine Tochter missbraucht, bestritten und keine weiteren Aussagen gemacht.

Die Beweisaufnahme habe, so der Vorsitzende Richter Henckel in der Urteilsbegründung, keine ausreichenden Beweise erbracht, die zu einer Verurteilung notwendig gewesen wären. Sandra T. habe mit Sicherheit nicht bewusst unwahre Angaben gemacht, sagte Henckel. Die erheblichen Widersprüche in früheren Aussagen (vor einem Amtsrichter, bei der Polizei, in den Explorationen der Sachverständigen) und den Angaben in der Hauptverhandlung seien allerdings so gravierend, dass sich Zweifel an der Zeugin nicht ausräumen ließen.

Der jahrelange Missbrauch – von manuellen und oralen Handlungen bis zum Geschlechtsverkehr und zur Vergewaltigung – sei von der Zeugin durchaus glaubhaft geschildert worden, sie habe die Geschehensentwicklung logisch und detailreich dargestellt.

Gleichwohl seien diese ersten Aussagen zu denen in der Hauptverhandlung zu unterschiedlich gewesen, als dass das Gericht ein anderes Urteil hätte fällen können.

In der Urteilsbegründung ging Richter Henckel ausführlich auf die Diskrepanzen der unterschiedlichen Aussagen ein. „Das kann man nicht nur mit normalem Vergessen erklären“, sagte Henckel.

Verschiedene Tatorte

Er sprach die unterschiedliche Benennung der Tatorte an und die voneinander abweichenden Stellungen bei der Ausübung des Oralverkehrs. Ebenso sei die Frequenz der Übergriffe von Sandra T. eklatant unterschiedlich beschrieben worden: Beim Sachverständigen habe sie erklärt, die Handlungen des Vaters seien von „mehrfach wöchentlich“ mit deutlicher Abnahme bis Null geschehen, während sie in der Hauptverhandlung das genaue Gegenteil aussagte. Die Übergriffe hätten sich kontinuierlich gesteigert. „Diese Widersprüche sind für die Kammer nicht auflösbar.“

Richter Henkel kritisierte zudem die Arbeit der Gutachter: So sei die Arbeit von Professor Jopt für die Kammer unbrauchbar gewesen, weil der Sachverständige „nicht in Gänze den Anforderungen des Bundesgerichtshofes an die Qualität derartiger Gutachten“ gefolgt sei. „Die Zeugin ist geneigt,“ so Henckel, „Vorgaben und Fragestellungen zu übernehmen und in eigene Darstellungen einzubauen.“

Was dazu führte, dass erst durch die Fragetechnik des Gutachters die Zeugin dazu veranlasst wurde, zu konkreten Tatgeschehnissen Antworten zu geben. „Das kann alles wahr sein, aber es ist nicht mehr unterscheidbar: War das eigenes Erleben oder übernahm sie die Vorgaben aus der Fragestellung?“ (Henckel) Durch die „nicht so glückliche Art der Befragung“ durch den Gutachter hätten die Antworten der Zeugin kontraproduktiv gewirkt.