Fit fürs Leben

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Kellen.  Wozu braucht ein Zwölfjähriger ein Handy? Die Schüler der siebten Klasse an der Karl-Kisters-Realschule Kellen sind in ihrem Element. Solche Fragestellungen holen sie in ihrer Lebenswelt ab. Es ist Auftakt des neuen Unterrichtsfachs „Wirtschaft“.

Wozu braucht ein Kind ein Handy? „Mit Freunden in Kontakt bleiben“ ist Grund Nummer eins, dann die Erreichbarkeit für die Eltern bis zur Taschenrechner-Funktion in der Hosentasche und dem Lieblings-Hit auf Abruf.

Die Schüler der siebten Klasse an der Karl-Kisters-Realschule Kellen sind in ihrem Element. Solche Fragestellungen holen sie in ihrer Lebenswelt ab. Es ist Auftakt des neuen Unterrichtsfachs „Wirtschaft“. Inhalt der ersten Stunden: Bedürfnisse und Wünsche klären, und dass sie nicht umsonst zu befriedigen sind. Was ist eine Arbeitsstunde von Vater oder Mutter wert? Warum sind manche T-Shirts so billig ? Wirtschaft hat nicht nur mit Import-Export, Banken und Bilanzen zu tun, sondern fängt bei uns an. Im Unterrichtsfach Wirtschaft verfolgt die Klever Schule nicht nur den Umsatz des Taschengeldes, sondern will die Kinder zu mündigen Verbrauchern erziehen, die den Handel kritisch hinterfragen und mit der Wirtschaft im Alltag klar kommen.

Die Realschule Kellen ist eine von drei Schulen am Niederrhein (neben Geldern und Wesel) und eine von 70 landesweit, die Wirtschaft als neues Unterrichtsfach entwickeln. Bisher war es eine Schnittstelle. Das Thema wird sonst mal in Politik, mal in Erdkunde, Geschichte oder Sozialwissenschaften, Informatik, Gemeinschaftskunde, Technik oder in Hauswirtschaft behandelt.

Lange fordern Wirtschaftsunternehmen, Gewerkschaften und Verbraucherverbänden breite Bildung zu diesem Thema. Schulbuchverlage bringen seit zwei Jahren ungefragt ihren Kontrapunkt zu „Schülerheften Wirtschaft“ von Coca-Cola und Deutscher Bank auf den Markt. Nun hat auch die Politik das Thema entdeckt und fördert seit diesem September die Pioniere. Wobei „Förderung“ natürlich wieder nicht heißt, dass es Extra-Geld oder eine Extra-Fortbildung oder mehr Personal für die Extra-Arbeit gäbe. Nein, das machen idealistische Lehrkräfte zusätzlich.

Volker Backhaus, Michael Dicks, Astrid Scherschenewitz, Valerie Vauzanges und Schulleiter Hubert Wanders stehen voll dahinter. Sie bringen das Dreieck Politik-Geschichte-Erdkunde zusammen. Zwei Varianten standen im Landesmodellprojekt zur Wahl: Den Unterrichtsinhalt als Kursfach für ein Fünftel der Schüler anzubieten oder als Pflichtstunde für alle. Die Realschule Kellen entschied sich für Pflicht plus Kür.

Das Pflichtfach ab Klasse 7 behandelt, was jeder Schüler fürs Leben können muss. „Wir sind Teil der Wirtschaft,“ sagt Valerie Vauzanges. Geschult wird das Bewusstsein, dass alles verquickt ist.

Der Lebensalltag stellt die Herausforderungen: Schülerkonto bei der Bank und Umtauschrechte im Geschäft. Es geht ums Einrichten der ersten Wohnung, Miete, Ausbildungsvergütung, was sind vermögenswirksame Leistungen, Riester-Rente, Schulden, zählt Michael Dicks auf. Höhere Klassen befassen sich mit Non-Profit-Organisationen, Wertschöpfung und Umweltbelastung. Fürs Fach gibt es keine Richtlinien. „Weil sich Zahlen, Problematiken und Mentalitäten schnell ändern“, schafft die Schule stets aktuell Bücher verschiedener Verlage für alle an, erklärt Wanders.

Spezialwissen bleibt den Wahlfächern und Projektgruppen vorbehalten: Sozialwissenschaft oder der Zeitungs-/Online-Zeitungsgruppe oder Kioskgruppe. Dort lernen die Jugendlichen als „Kleinunternehmen auf Termin zu arbeiten“, so Vauzanges. Das bleibt zusätzlich, spezialisiert auf hohem Niveau das Wissen von sehr Interessierten in Sachen Wirtschaftsgeografie oder Marketing und Buchhaltung.

Die gleichen Lehrer begleiten die Schüler in Klasse 9 bei den Betriebspraktika – übrigens ausdrücklich auch in den niederländischen ROC-Berufs- und Werkstattschulen. „Wir sind eine allgemeinbildende Schule“, erklärt Realschulleiter Hubert Wanders. Das Entwickeln von Kompetenzen ist ureigenstes Ziel und macht im neuen Fach Wirtschaft fit fürs Leben.

 
 

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