Ernst Goldschmidt kämpfte gegen das Vergessen

Ernst Goldschmidt kehrte nach dem Krieg nach Kleve zurück.
Ernst Goldschmidt kehrte nach dem Krieg nach Kleve zurück.
Foto: NRZ
Seit 1992 trägt die Straße, die am jüdischen Friedhof vorbeiführt, den Namen Ernst Goldschmidts. Er wird dort als „Jude, Widerstandskämpfer, Literat“ bezeichnet

Kleve..  Wer war dieser Mann? Ernst Goldschmidt wurde 1904 in eine Familie geboren, die seit den 1850er Jahren in Kleve ansässig war. Seine Vorfahren waren zunächst als Lohgerber tätig gewesen und betrieben später eine eigene Gerberei, die der Vater von Ernst Goldschmidt später verkaufte. Seine Mutter Lucy Offenbacher kam aus Paris. Bis 1933 führte er ein glückliches und unbeschwertes Leben, studierte Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt und trat - weniger aus Überzeugung als um sein bürgerliches Umfeld zu schockieren - der Kommunistischen Partei bei.

1933 wurde aus diesem Übermut bitterer Ernst. Nach dem Reichstagsbrand kam er in „Schutzhaft“ ins Klever Gefängnis, wo er dann auch eine achtmonatige Gefängnisstrafe wegen des angeblichen Besitzes einer Schusswaffe verbüßen musste. Anschließend wurde er wieder als „Schutzhäftling“ ins Konzentrationslager Esterwegen überführt. Nach seiner Entlassung emigrierte er ins Ausland und war dort im Widerstand aktiv. 1939 geriet er als Staatenloser in Frankreich erneut in Gefangenschaft. Nur mit viel Glück gelang ihm die Flucht und die Einreise in die Schweiz. Als Mitredakteur der Exilzeitschrift „Über die Grenzen“ konnte er nun seiner Leidenschaft als Schriftsteller nachgehen. Seine einzigen sicher überlieferten Werke wurden in dieser Zeitung abgedruckt. Hier entstand auch sein Gedicht „Mein Land“, das er später seiner in Auschwitz ermordeten Mutter widmete. Es handelt von den Erinnerungen an seine glückliche Zeit in Kleve, seine Liebe zur alten Heimat und der Hoffnung auf einen Neuanfang.

Kontakte nach Kleve

Nach dem Krieg nahm er die belgische Staatsangehörigkeit an und gründete in Brüssel eine Familie. Doch kam es früh wieder zu Kontakten nach Kleve. Allerdings besuchte er die Stadt nicht nur alter Freunde wegen.

Schon 1950 bemühte Ernst Goldschmidt sich in einem Rückerstattungsverfahren den verloren Grundbesitz der Familie für sich und seine beiden Geschwister, die in New York lebten, zurückzuerhalten. Bei den Häusern in der Klosterstraße (heute: An der Münze) gestaltete sich dies als sehr schwierig. Es kam zu einen Prozess gegen die Eigentümer, die den Besitz 1939 „arisiert“ hatten. Letztlich erhielten die Goldschmidts 1955 Recht, nachdem eine Beschwerde der Gegner vom Oberlandesgericht zurückgewiesen worden war.

Doch ein Zitat aus einem Schreiben der Prozessgegner von 1971 kann verdeutlichen, welches Klima damals geherrscht hatte. „Wie bekannt, wurde unseren Eltern, durch die Jüdin Goldschmidt, den ihr zugehörigen verkommenen, unbewohnbaren Grundbesitz, in der Klosterstr. aufgedrängt. Nach langen Überlegungen und nach Zuspitzung der Verfolgungsabsichten der NS Regierung wurde dann im Jahre 1938 der Grundbesitz käuflich erworben,....um den Juden zu helfen das Vermögen zu retten. Trotzdem wurde uns, von den Erben Goldschmidts vor allen Dingen, durch den enterbten Sohn Ernst Goldschmidt, ein Rückerstattungsverfahren angehangen. Dieses Verfahren wurde an der Wiedergutmachungskammer in Kleve ….ein ungerechtes und unmögliches Urteil gefällt, da die Richter, mehr oder weniger befangen waren, und den Juden Ernst Goldschmidt gefällig sein wollten, da er sich enorm aufspielte.“ (Grammatik und Stil entsprechen dem Original.)

Hart und unversöhnlich

1959 sagte Goldschmidt als Zeuge in einem Gerichtsverfahren gegen Franz Peters aus, der 1933 im Klever Gefängnis als Polizeimeister einen Schutzhäftling zu Tode geprügelt hatte. Unbehelligt hatte Peters, der, angeblich unauffindbar, ins Ausland geflüchtet war, als Hauptmann beim Bundesgrenzschutz in Bonn gelebt. Er hatte lediglich seine Vornamen umgestellt und das Geburtsdatum leicht abgewandelt. Ein Zufall hatte dies ans Tageslicht gebracht.

Nach dem erlittenen Unrecht während der Zeit des Nationalsozialismus waren es die Erfahrungen in der Nachkriegszeit, die Goldschmidt hart und unversöhnlich machten.

Goldschmidt klagte an, dass viele an den nationalsozialistischen Verbrechen Beteiligte nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, dass sie weiter als Beamte tätig waren und ihren Pensionsanspruch behielten, während den Opfern die Anerkennung des erlittenen Unrechts und eine angemessene Entschädigung oft verweigert wurden. Er wehrte sich gegen die Bestrebungen vieler Deutscher einen Schlussstrich zu ziehen und die unsägliche Vergangenheit zu vergessen.

Ernst Goldschmidt starb 1963 unerwartet an den Folgen einer Operation.

 
 

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