Erinnerungen an eine Kult-Kneipe

Goch.  Wenn man alt-eingesessene Gocher nach der Gaststätte „Tön am Berg“ fragt, sprudeln wohl viele lieb gewonnene Erinnerungen aus ihrer Kindheit und Jugend hervor. Lange war die Kneipe an der Klever Straße das Ausflugsziel in Goch, vor einem halben Jahr schloss die Institution ihre Pforten und das Gebäude wurde abgerissen. Doch 134 Jahre Gaststätten-Geschichte hinterlassen ihre Spuren – wenn auch vorrangig in den Köpfen, wie im Fall von „Tön am Berg“ deutlich zu sehen ist.

Daher lohnt ein Blick in die Juli-Ausgabe von „An Niers und Kendel“, herausgegeben vom Gocher Heimatverein, in der sich ein ausführlicher Bericht dem einstigen Kult-Haus widmet. „Von der Schankwirtschaft ,Villa Mozart’ zur Gaststätte ,Tön am Berg’“ lautet der Artikel der Autoren Helmut van Elst und Werner Verfürth.

Trotz der überschaubaren Menge an Dokumenten haben die beiden die durchaus wechselhafte Geschichte detailliert rekonstruiert: 1880 erfolgte die Eröffnung, bis 1930 gab es fünf verschiedene Besitzer und ebenso viele verschiedene Namen. Aus der „Villa Mozart“ wurde zunächst „Luna Berg“, dann „Berglust“ und später „Tön auf der Berglust“, bis sich „Tön am Berg“ endgültig festsetzte. Ein Name in Anlehnung an den „Bergwirt“ Anton Terörde, der das Haus 1922 übernommen und später an seinen Sohn Franz übergeben hatte. Von da an sollten beide Namen, „Tön am Berg“ und Terörde, bis zum Dezember 2014, als Franz Terörde Junior und seine Gattin Christel wegen fehlender Nachfolger beschlossen, den Komplex abzureißen, mit der Gaststätte verbunden bleiben.

„Das Ausflugslokal am Gocher Berg war von jeher eine der ersten Adressen in Goch und Umgebung, wenn es darum ging im kleinen und ganz besonders im großen Rahmen Vereins-, Betriebs- und Familienfeste zu feiern oder Versammlungen abzuhalten“, schreiben die Autoren Helmut van Elst und Werner Verfürth in Heft Nummer 56. Zu den absoluten Höhepunkten gehörte etwa der Jägerball, der in den 60er und 70er Jahren zum „Fest des Jahres“ wurde. Hier versammelte sich zu jener Zeit alles, was in Goch „Rang und Namen hatte“ – und bestellte unter anderem „Berglustschnittchen“.

„Berglustschnittchen“

Van Elst und Verfürth über die Spezialität des Hauses: „Dabei handelte es sich um einen Teller, der rundum mit kleinen Schnittchen mit Aufschnitt und Käse [...] belegt war. Aufgefüllt wurde der Teller mit Kartoffelsalat, worauf sich als Krönung wahlweise ein gekochtes Ei oder Spiegelei befand. Garniert mit Salat und Kräutern sah dieser Imbiss nicht nur gut aus, er war auch preislich für jedermann erschwinglich.“

Ebenfalls interessant für die Gäste waren das Tiergehege, die Terrasse und natürlich die legendäre Rutschbahn vom Saal in die Sektbar – die sich inzwischen im Besitz des wahnsinnigen Puppenspielers befindet. Dass das „Speise- und Tanzrestaurant Tön am Berg“ zu den Karnevalshochburgen der Region zählte, versteht sich von selbst. Oder wie van Elst und Verfürth es ausdrücken: „Es liegt auf der Hand, dass bei einem Unternehmen dieser Größenordnung, welches eine Tagesgaststätte, einen Saal mit einem Fassungsvermögen für ca. 300 Personen, ein Speiselokal, zwei Kegelbahnen und einen Biergarten unterhielt, jeden Tag etwas los war.“

Doch wie bei so vielen vergleichbaren Einrichtungen in der Region (zum Beispiel das Schweizerhaus in Kleve, das ebenfalls lange Zeit für seine Tanzveranstaltungen bekannt war) änderten sich auch bei „Tön am Berg“ mit dem Jahrtausendwechsel allmählich die wirtschaftlichen Bedingungen. Die Folge: Abriss des Schweizerhauses in Kleve Ende 2014, Abriss von „Tön am Berg“ Ende 2015.

Weitere Themen in der aktuellen Ausgabe von „An Niers und Kendel“ lauten „Die Koopmannmädchen – Geschichte der Familie des jüdischen Viehhändlers Ludwig Koopmann“ von Ruth Warrener, „Hungersnot in Goch vor 200 Jahren – Eine Klimakatastrophe führte zu Missernten“ von Hans-Joachim Koepp und „Isegrim am unteren Niederrhein – Letzte Wolfsjagd in Asperden vor 200 Jahren“ ebenfalls von Hans-Joachim Koepp.

Weitere Informationen gibt es im Internet auf www.heimatverein-goch.de. Die Zeitschrift kostet 2,50 Euro.

 
 

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