Eine Stadt braucht Rückgrat, um Nein zu sagen

Astrid Hoyer-Holderberg
Die Baustelle Volksbank direkt am Spoyufer. Dahinter sieht man, dass das Rathaus bereits sein Dach bekommt. Dazwischen der Minoritenplatz wird bekanntlich als Parkfläche genutzt.
Die Baustelle Volksbank direkt am Spoyufer. Dahinter sieht man, dass das Rathaus bereits sein Dach bekommt. Dazwischen der Minoritenplatz wird bekanntlich als Parkfläche genutzt.
Foto: Astrid Hoyer-Holderberg
Stadtsoziologe Hans Hoorn kommentierte Stadtgestaltung in Kleve und Kalkar. Investoren kein Vorschlagsrecht geben. „Aufenthaltsqualität und Autos gehen nicht zusammen“

Kleve.  25 einzelne Punkte gehören zu der „Zauberformel“, die aus einer Stadt eine tolle Stadt machen. Eine, die von Bürgern und Besuchern geliebt wird, wo der Umsatz brummt. Sagte Hans Hoorn, Stadtsoziologe aus den Niederlanden, einem faszinierten Kreis Klever Publikum. Sein zentraler Appell: „Verbessern Sie bitte Ihre öffentlichen Räume!“ Plätze seien „das Schwungrad für Stadtmarketing, die Visitenkarte, Bühne, public space“. Hoorn, der Masstricht innerhalb 20 Jahren maßgeblich mit auf Vordermann gebracht hat, schilderte in der Klever Stadthalle, wie’s geht. Jeder zog wohl sein persönliches „Hab ich immer schon gedacht“ und sein erstauntes „ach wirklich?“ aus dem Vortrag.

Hans Hoorn kritisierte freiweg. Er hatte sich zuvor einige Stunden durch Kleve und Kalkar führen lassen. „Kleve ist auf dem richtigen Weg. Ich bin begeistert, was hier los ist. Es hat sich viel geändert“, seit er vor 20 Jahren zuletzt hier war, als die Pläne von „Multidevelopment“ auf dem Minoritenplatz diskutiert wurden. Hoorn beglückwünschte Kleve zur Ablehnung: „Das wäre ein Desaster gewesen“. Eine Stadt brauche „starke Knie und Rückgrat, um Nein zu sagen“. Er mahnte: „wenn man einem Investor sagt, machen Sie einen Vorschlag, hat man schon verloren“. Die Verwaltung sei end-verantwortlich. „Wenn man zu viel weg gibt, entsteht eine Stadt ohne Qualität“. Die Stadt brauche Politiker, „die Kopf und Kragen riskieren“ und brauche in der Verwaltung einen „räumlichen Regisseur“. Denn „ungefähr gut, ist falsch“.

Was ihn auf Kalkar brachte: „Das Fachmarktzentrum finde ich schrecklich. Schade, schade“ als Eingangstor, abgeschottet zur Straße hin, Architektur „wie ein Gewerbegebiet“. Und was sollen die Poller auf dem historischen Markt?

Gute Architektur mache das Flair aus. Moderne Architektur brauche manchmal 15 Jahre, um sich „zu beweisen“. Immer wieder kam Hoorn auf die Bedeutung von Plätzen zurück, zeigte Beispiele, wie Städte erfolgreich Gestaltungswettbewerbe für Tiefgaragen ausgelobt hatten: Autos nach unten, Menschen, Wasserspiele, Freifläche nach oben. Der Investor kassiere die (niederländisch hohen) Parkgebühren. Auch wenn Kleve halb so groß sei wie Maastricht, könne das funktionieren. „Aufenthaltsqualität und Autos gehen nicht zusammen“.

Für den Minoritenplatz sah Hans Hoorn kleine Läden als Lösung vor sich. „Man muss ihn jetzt schnell entwickeln“. Der Neubau der (Volks-)Bank allerdings sei „ein totes Teil“, schließe um 17 Uhr, am Wochenende immer. Ans Ufer eines Flusses/Kanals hätte Leben gehört.

„Bitte, bitte bringen Sie so viel wie möglich Wohnen in die Innenstadt“. In Zeiten der Online-Konkurrenz brauche eine Stadt Aufenthaltsqualität, Shopping-Events, kulturelle Vielfalt, anspruchsvolle Gastronomie. Auch architektonisch gut gemachte Markthallen seien attraktiv.

Zuschauer sprachen ihn auf gesetzliche Unterschiede an und auf „deutsches Verständnis für öffentlichen Raum“, für den man doch Unterhaltskosten sparen wolle. Hoorn: „Sie haben Baufreiheit in Deutschland. Das sieht man auch“