„Du sollst leben!“

Andreas Daams
Foto: WAZ FotoPool
„Hitlerjunge Salomon“: Sally Perel erzählte auf der Wasserburg, wie er die Barbarei der Deutschen überlebt hat

Kleve. Mit so einem Besucherandrang hatten die Veranstalter gar nicht gerechnet. Der große Saal in der Heimvolkshochschule Wasserburg Rindern war vollständig gefüllt, als Sally Perel auf Einladung von Bündnis 90/Die Grünen und dem Verein „Nachbarn ohne Grenzen“ aus seinem Leben erzählte. Auch etliche Jugendliche waren da, um dem 86-jährigen Perel zu lauschen.

Unter der Haut des Feindes

Perel, 1925 in Peine geboren, hat den Nationalsozialismus aus zwei Perspektiven miterlebt: als Opfer, dessen Eltern und Verwandte in den Ghettos und Konzentrationslagern ums Leben kamen, und gleichzeitig getarnt in der Uniform des Hitlerjungen, der in jeder Sekunde fürchten musste, dass seine wirkliche Identität ans Tageslicht kommt.

„Ich habe den Massenmord nicht unter meinen Glaubensbrüdern erlebt, sondern versteckt unter der Haut des Feindes“, erzählte Perel. Auf seiner Uniform und der seiner „Kameraden“ stand „Blut und Ehre“. Perel: „Aber unter der Uniform waren doch alle Menschen.“

Und das sei ja auch das Entscheidende: Ganz normale Menschen waren zu derartigen Verbrechen fähig. „Wo blieb die 2000 Jahre alte christliche Erziehung zur Menschenliebe?“, fragte Perel. „Auschwitz war der Selbstmord der deutschen Kultur.“

Eindringlich beschrieb Perel, wie tief ihn, den Juden in der Höhle des Löwen, die nationalsozialistische Erziehung beeinflusst hatte. „Ich war sogar ein wenig traurig, dass Deutschland den Krieg verloren hatte.“

Noch heute sei der Hitlerjunge immer sehr lebhaft in ihm, zuweilen sogar dominant. „Ich will ihn nicht lieben, aber ich liebe ihn doch.“ Jahrzehntelang verdrängte Perel den Zwiespalt, in dem er den Nationalsozialismus überlebt hatte. Erst nach seiner Pensionierung verstand er: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ Seine Autobiographie „Hitlerjunge Salomon“ wurde ein Welterfolg, der darauf basierende Film ebenso.

Oft ist er in israelischen, deutschen und polnischen Schulen zu Gast, damit die Schülerinnen und Schüler aus erster Hand erfahren können, wie schnell und mit welchen Konsequenzen eine Weltanschauung, die auf Hass gegründet ist, die Zivilisation umstürzen kann.

Alpträume erinnern ihn noch heute daran, wie er in der Uniform des Hitlerjungen immer wieder das jüdische Ghetto in Lodz mit der Straßenbahn durchquerte. Dort herrschte Typhus, Leichen türmten sich, und irgendwo dort waren seine Eltern. Sein Vater hatte ihm zum Abschied gesagt: „Vergiss nicht, wer du bist!“ Seine Mutter: „Du sollst leben!“ Perel hat überlebt. Seine Geschichte ist eine eindringliche Mahnung. Perel: „Dass heute Jugendliche wieder dieselben Parolen brüllen wie die Nazis und jetzt sogar Leute umbringen, kann ich nicht fassen.“