Die gute Erde

Dieter von Levetzow wird am Sonntag 90 Jahre alt.
Dieter von Levetzow wird am Sonntag 90 Jahre alt.
Foto: NRZ
Der Bildhauer Dieter von Levetzow wird am Sonntag 90 Jahre alt. Er lebt seit den 70er Jahren in Kranenburg und ist immer noch höchst aktiv

Kranenburg..  Dieter von Levetzow zu treffen, ist sehr unterhaltsam. Seine Sätze steuern immer zielsicher auf die nächste Pointe zu. Wenn er aus seinem Leben erzählt, werden die Momente griffig, handfest, also genauso eindeutig und klar wie seine Skulpturen. Vielleicht liegt der Humor ja auch in der Familie. Seine Mutter schrieb ihm, kurz bevor er in russische Kriegsgefangenschaft geriet, in einem Brief: „Dein größter Wunsch ist wahr geworden, man hat die Schule bombardiert.“

Bekennender Schulmuffel

In der Tat, mit der Schule hatte er es nicht so. „Mein Vater sagte dem Lehrer, ich sei ein Spätentwickler. Ich warte, denn vielleicht kommt es ja noch.“ Dafür hatte er schon als kleiner Junge allerlei entblößte Damen aufs Papier gebracht. Die Eltern wollten wissen, wo er denn so etwas gesehen hatte. „An der Decke der Wandelhalle in Bad Pyrmont waren sie aufgemalt, da hatte nur niemand hochgeschaut“, erinnert sich Dieter von Levetzow.

Das war damals, vor dem Krieg. Danach hat man alles geweißt. Nicht nur die Wandelhallen, auch die Biografien. Ein Nazi, den er aus seiner Geburtsstadt Weimar gut kannte, starb Ende des Krieges an Gesichtsrose. Einige Jahre später erhielt von Levetzow eine Postkarte von ihm. Als Toter war er automatisch entnazifiziert. Dass er noch lebte – nun ja.

90 Jahre wird der Künstler am Sonntag. Er wohnt und arbeitet auf einem mehr als 500 Jahre alten Hof in Kranenburg. Die zugegebenermaßen nicht sehr höfliche Frage, ob man denn nach so langer Schaffenszeit immer noch auf neue Ideen kommt, kontert er mit der Fotografie einer neuen Skulptur. Ein Kind sitzt auf vorne einem Roller, dahinter steht ein anderes Kind, fährt und lenkt. „Sieht das aus wie von einem alten Mann?“ Die Situation hat er neulich draußen gesehen und gleich in höchst lebendige Kunst verwandelt. Man kennt am Niederrhein beispielsweise seinen Reeser Rinkieker, den Gocher Poorte Jäntje oder den Klever Cupido. Zweifellos ist er einer der erfolgreichsten Künstler der Region. Dabei kam er eigentlich nur, um endlich wieder satt zu werden.

Und das hat natürlich mit dem Krieg zu tun. Dieter von Levetzow besuchte ab 1941 die Kunstakademie in Weimar, dann war er Soldat in der berüchtigten Division Brandenburg. „Als wir dann aus der Gefangenschaft kamen, hofften wir, hinter der Grenze stünden hübsche Rote-Kreuz-Helferinnen mit einer Gulaschkanone.“ Stattdessen hatte man einen Schreibtisch mitten auf die Straße gestellt, dahinter saß ein alter Beamter, der Zettel abstempelte. Willkommen zurück in Deutschland.

Reise in den Westen

Im Osten hatte ein von Levetzow keine Perspektive, also flüchtete er in den Westen. In seinem Wunschziel Hamburg bekamen nur Hamburger Lebensmittelkarten. Erste Unterkunft fand er als Bühnenbilderassistent in Heide (Holstein). Von Levetzow: „Ich hatte Kohldampf, aber es gab nichts!“

Ein Kollege schwärmte ihm vom Niederrhein vor – so kam Dieter von Levetzow zur Paesmühle bei Straelen. 1951 zog es ihn nach Capri, wo er nicht nur beinahe den Mafiaboss Frank Costello porträtiert hätte, sondern sich auch unsterblich in eine Inderin verliebte, der er schließlich nach Bayern folgte. Ein Protestant lebt in den 50er Jahren ohne Trauschein mit einer Inderin in Bayern? „Hochwürden hat uns auf dem Wochenmarkt gegrüßt, danach waren wir akzeptiert.“

Bayern findet er auch heute noch toll, demnächst wird er wieder hinfahren, da zeigt das Ägyptische Museum in München Werke von ihm.

Trotzdem kehrte er schließlich an den Niederrhein zurück: „Was mich am Niederrhein gehalten hat, ist die Keramikerde.“ Mit ihr arbeitet er bis heute.

 
 

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