Die britische Königin fehlt noch

Andreas Daams
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Kleve.  Ein seltsames Gefühl. So beschreibt Eckart Heiligers seinen Auftritt im Klever Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. Hier hat er 1983 Abitur gemacht. Seither hat er die Schule nicht mehr betreten. „Irgendwie ist alles anders“, sagt er. Vor etwas mehr als 40 Jahren war er so alt wie die Fünftklässler, die ihm und seinen Triopartnern Ulf Schneider und Martin Löhr an diesem Donnerstagmorgen zuhören. Damals war es noch nicht üblich, dass gefeierte Konzertmusiker persönlich Nachwuchsarbeit betreiben. Der Schulauftritt heute ist für das Trio Jean Paul allerdings auch eine Premiere. „Wir wollten das immer schon machen, aber terminlich hat es nie gepasst.“

Heiligers erinnert sich, wie er in dieser Schule ein Konzert gegeben hat, da war er 15 oder 16 Jahre alt. Draußen tobte ein Gewitter, die Fenster flogen auf, es regnete rein, das Licht ging aus. Und Eckart Heiligers spielte seinen Beethoven weiter, ganz ungerührt. Jetzt spielt er ein Stück von Wolfgang Riehm, gemeinsam mit seinen beiden Musikerfreunden. Es ist derselbe Flügel wie damals.

Etwas Modernes wollen die Kinder hören, keinen Brahms. Vielleicht denken sie an Pop, Jazz oder Schlager, aber wohl eher nicht an das, was in der Sprache der Klassik „Neue Musik“ heißt: Mut zu Dissonanzen, Geräuschhaftem, eigenen Formen, Zitaten. Auch wenn diese „Neue Musik“ nun auch schon 30 Jahre alt ist. Bei den ersten schrägen Tönen schauen die Fünftklässler sich an, verziehen die Gesichter, grinsen. Aber dann scheint sie die Musik doch zu packen, aufmerksam hören sie zu. „Es ist ganz viel passiert“, sagt ein Mädchen anschließend. „Der Anfang war traurig und nachdenklich, am Ende hat sich jemand gefreut.“ Ein Junge findet, an einer Stelle habe das Stück sich wie Weltraummusik angehört. Ein anderer glaubt Horrorfilmmusik zu erkennen.

Vielleicht wäre die Schülergeneration vor 40 Jahren bei so einer Begegnung noch vor Ehrfurcht erstarrt. Die heutigen Fünftklässler sehen das jedenfalls ganz locker. Berührungsängste: Fehlanzeige. Sie duzen die drei Musiker ganz selbstverständlich, wollen wissen, wie es zeitlich mit dem Üben aussieht und ob sie schon in Afrika aufgetreten sind: Überall sonst, nur nicht in Afrika. Ob sie schon vor der britischen Königin gespielt haben: Nein, aber vor dem amerikanischen Präsidenten. Und warum das Trio überhaupt so heißt, wie es heißt: Da geht es um den Dichter Jean Paul und den Komponisten Robert Schumann, um die Romantik, die Sprache der Musik und die Musik als Sprache, die mehr auszudrücken vermag als bloße Worte.

Am Schluss gibt es noch ein paar Minuten Schumann. Dann ist die Stunde zu Ende. Die Kinder laufen fröhlich aus dem Musiksaal, der Zukunft entgegen.