Die Atmosphäre muss stimmen

Andreas Gebbink
Thorsten Krüger ist Sprecher der Geschäftsführung von Ipsen.
Thorsten Krüger ist Sprecher der Geschäftsführung von Ipsen.
Foto: NRZ
Nicht nur im Industrieofen müssen optimale Bedingungen herrschen, für Ipsen-Geschäftsführer Thorsten Krüger tragen Mitarbeiter eine hohe Selbstverantwortung

Kleve.  Diese Öfen sind schon beeindruckend. Vier, fünf Meter ragen sie in die große Montagehalle, gespickt mit aufwändiger Mechanik und Technik, computergestützten Mess- und Regelsystemen und sensiblen Sensoren. Das Herzstück des Ofens ist seine Brennkammer, in der Stahl und andere Metalle gehärtet werden. So ein Ofen ist ein kleines Wunderwerk der Technik, eine Mischung aus Handwerk und Hightech, und man fragt sich als Laie: Wie soll dieses Ungetüm jemals diese Produktionshalle wieder verlassen?

Thorsten Krüger ist einer von drei Geschäftsführern bei Ipsen, jenem Unternehmen, das diese Industrieöfen herstellt und auf der ganzen Welt verkauft. Ohne Ipsens Technik wären viele alltägliche Dinge nicht möglich: „Es würde kein Auto auf der Straße fahren, kein Windrad sich drehen und kein Krankenhaus arbeiten können“, sagt Thorsten Krüger beim Gang durch die Produktion. Er ist gelernter Maschinenbauingenieur und weiß an der Unternehmensspitze noch am ehesten, wie man mit einem Schraubenschlüssel umgeht. Doch so einen komplizierten High-Tech-Ofen alleine entwickeln? Er überlegt ein wenig und sagt: „Nein, da steckt schon sehr viel Spezialwissen drin. Dafür benötigt man ein Team.“

Thorsten Krüger führt seit 2013 das Unternehmen Ipsen, das vielen Klevern ein Begriff ist. Aber wahrscheinlich nur die wenigsten wissen, was an der Flutstraße eigentlich genau hergestellt wird. Thorsten Krüger wird daher auch nicht müde, neuen Gästen kurz zu erklären, was sich hinter der Marke Ipsen versteckt. Das Unternehmen deckt den kompletten Bereich der Wärmebehandlungstechnik ab und produziert zwei Typen von Öfen, mit denen man Metalle für höchste Beanspruchungen härten und Oberflächen behandeln kann. Die Automobilindustrie ist darauf angewiesen, dass etwa Getriebe und andere Motorkomponenten immer höheren Belastungen standhalten. Durch die Behandlung in einem Ofen wird der Stahl gehärtet. Es ist ein kompliziertes Spiel aus Temperaturzufuhr, Luftabschluss und Abkühlung. Mit Hilfe der Computertechnik werden diese komplizierten Verbrennungsvorgänge und Glühprozesse immer genauer gesteuert, um optimale Härtungsergebnisse zu erzielen. Ipsen stellt für diese Prozesse so genannte Atmosphärenöfen und Vakuumöfen her, in denen Verbrennungsvorgänge unter Luftabschluss möglich sind. Denn: „Der Feind des Härtens ist der Sauerstoff“, sagt Krüger.

Es ist ein Nischenmarkt in der großen Industriewelt, aber Ipsen ist darin ein gefragtes Unternehmen. Thorsten Krüger ist für den Marktführer weltweit unterwegs, denn Ipsen unterhält Vertretungen auf allen Kontinenten der Erde. Der Umsatz wird zu jeweils 40 Prozent in Amerika und Europa erzielt und zu 20 Prozent in Asien – hier gibt es noch viel Luft nach oben. Die Innovationen und Weiterentwicklungen im Industrieofenbau vollziehen sich aber weitgehend in Kleve und in den USA. Thorsten Krüger ist für Produkt- und Strategieentwicklung von Ipsen verantwortlich.

Die Ansprüche an Industrieöfen sind gestiegen, auch wenn der Markt sich nicht durch schnelle, technische Innovationen auszeichnet: „Die Ofentypen haben sich in den vergangenen Jahren nicht wesentlich verändert“, sagt Krüger. Und trotzdem werden die Prozesse immer weiter optimiert und den Anforderungen der Kunden angepasst: Es geht darum Energie zu sparen, Verbräuche zu optimieren und Verlustwärme besser zu nutzen. Die Öfen werden mit neuen Isoliermaterialien ausgestattet, die Steuerungstechnik und Sensorik erlauben immer genauere Härtungsprozesse und die Produktionsprozesse werden zunehmend standardisiert.

Ein Fünftel der Produktion habe man bereits auf ein Modulsystem umstellen können, erzählt Thorsten Krüger. Module, die universell für jeden Ofen einsetzbar sind und unabhängig vom Gesamtprodukt hergestellt werden können. In diesem Jahr möchte er dieses Modulsystem weiter ausbauen. „Das Ziel ist eine schnellere Verfügbarkeit“, erzählt Krüger. So könne man auch auftragsunabhängig Ofenmodule vorarbeiten und schneller auf Kundenwünsche eingehen. Bis zu 50 Prozent der Produktion könne man auf das Modulsystem umstellen. Der Rest bleibt Maßanfertigung für den Kunden.

Trotz aller Jammerei in der Industrie hat Ipsen ein erfolgreiches Jahr hinter sich. Vor allem auf dem asiatischen Markt sei man Fortschritte erzielt. In den USA werden die Öfen aus dem Bereich Raumfahrt nachgefragt. Und auf dem chinesischen Markt werde der Vakuumofen von Ipsen noch eine größere Bedeutung bekommen, so Krüger. Als Manager müsse man die Anforderungen der Kunden genauestens im Blick haben. Denn Innovation vollzieht sich oft bei der Produktion.

Als Geschäftsführer von Ipsen ist es gut, wenn man über einen technischen Hintergrund verfügt. Thorsten Krüger war zuvor in Augsburg für einen Waschanlagenhersteller tätig. Gestern Waschanlagen, heute Industrieöfen – passt das? „Nun, beides hat ja mit Autos zu tun“, schmunzelt Krüger. „Nein, letztlich geht es darum, dass man sich mit dem Produkt identifizieren kann und dass man Spaß daran hat, was man tut.“ Und sowohl Waschanlagen als auch Industrieöfen seien spannende Produkte: „Sie sind universell einsetzbar und von großer Bedeutung.“