Der Therapie zuführen

Bedburg-Hau.  Der Patient ist der Therapie zuzuführen. Der Patient: ein Kind. Die Therapie: Luminal. Mehrfache hohe Dosen. Bis das Kind nicht mehr aufwacht. Nie mehr. Das Kind: behindert. Eine Ballastexistenz. Die Befugnisse der Ärzte hat das zuständige Ministerium entsprechend erweitert. Sie dürfen der Ballastexistenz den Gnadentod gewähren.

99 Kinder hat man im Schutzengelhaus in Waldniel bei Viersen zwischen 1940 und 1943 auf diese Weise getötet. Nicht einfach so. Alles war bürokratisch geregelt, verwaltungstechnisch durchorganisiert. Gutachter in Berlin stellten anhand standardisierter Intelligenztests und ärztlicher Diagnosen vermeintlich objektiv fest, welche behinderten Kinder überleben durften und welche „der Therapie“ zuzuführen waren. Im neuen Stück „Das Schutzengelhaus“ führt einen das Theater mini-art hautnah in diese Zeit, dieses Denken, dieses Handeln hinein.

Das ist folglich alles andere als ein unterhaltsamer Theaterabend. „Das Schutzengelhaus“ zielt aber nicht auf den schnellen emotionalen Gruseleffekt, sondern geht tiefer. Anfangs sieht man im Film das Berliner Großstadtleben anno 1936. Am Ende die Ruine des Schutzengelhauses heute. Dazwischen nehmen Crischa Ohler und Sjef van der Linden verschiedene Rollen ein. Die der Opfer, die der Täter, die der Eltern. Sie schaffen es dabei, den Zuschauer nicht zum passiven Gefühlsobjekt zu machen, sondern packen ihn zugleich beim Intellekt. Man muss sehen, lesen, hören, mimische Andeutungen und abstrakte Figurenzeichnungen auf sich wirken lassen. Wenn man dann so ein Wort wie „Ballastexistenz“ auf der Leinwand liest, geht es einem durch Mark und Bein.

Und schmerzlich klar wird auch, dass es sich bei alledem nicht einfach um Barbarei gehandelt hat – Barbaren wären ja quasi von Natur aus roh und gewalttätig -, sondern um Taten von Menschen, die sich auf der Höhe der Zivilisation wähnten. Da hört man den Brief eines Soldaten, der nicht versteht, warum man das „Pflegepersonal“ des Schutzengelhauses, in dem sein eigenes Kind lebt, nicht endlich an die Front abzieht, wo die kämpfenden Männer etwas davon hätten. Man erfährt von Müttern zwischen Bosheit, Besorgnis und Schuld. Von Rassekundlern, die sich als ernstzunehmende Wissenschaftler sahen.

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt – wenn man so will, die Botschaft: Es ist möglich, dass eine Ideologie die moralischen Vorstellungen ihrer Gesellschaft ändert. Es ist möglich, dass Ärzte Kinder umbringen und Ingenieure Gaskammern ersinnen. Es ist möglich, dass die Täter keinerlei Schuld empfinden, weil sie ja „nur“ der herrschenden Moral gefolgt sind. Regisseur Rinus Knobel und seine beiden Schauspieler legen den Finger in diese Wunde, die jederzeit und an jedem Ort wieder aufbrechen kann.

Weitere Vorstellungen: 29. Oktober um 19.30 Uhr, 1 November um 18 Uhr, 28. Januar um 19.30 Uhr.

 
 

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