Der Niederrhein als Nadelöhr für die Betuwe-Linie

Ein Bahnübergang in Rees-Haldern. Foto: Kurt Michelis / WAZ FotoPool
Ein Bahnübergang in Rees-Haldern. Foto: Kurt Michelis / WAZ FotoPool
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Niederrhein. Eine Studie des Bundesumweltamtes stellt den Ausbau der Güterfernstrasse Betuwe zwischen Emmerich und Oberhausen in Frage, empfiehlt den Streckenbau auf der linken Rheinseite. Die Geschichte der deutsch-niederländischen Betuwelinie.

Die Geschichte der Betuwe hat bereits in den späten achtziger Jahren begonnen: Um ihren internationalen Hafen Rotterdam leistungsfähiger zu gestalten, suchten die Niederländer nach einer Möglichkeit, den Hafen über die Schiene an Deutschland anzubinden. Damit war die Idee der Betuwelinie geboren. Politisch stieß sie anfangs in NRW durchaus auf Wohlwollen. Zumal Duisburg mit seinem Binnenhafen als Logistikdrehscheibe prädestiniert ist, einen beträchtlichen Teil des Vor- und Nachlaufs von Rotterdam zu organisieren. Und damit die knappen Umschlagkapazitäten des niederländischen Seehafens zu entlasten.

Neubau in Niederlande

Während die Niederlande zügig mit der Planung und Realisierung ihrer Betuwe-Linie startete, blieb es an der Bahnstrecke zwischen Emmerich und Oberhausen zunächst verdächtig ruhig. Wohl weil seinerzeit kaum jemand realisierte, welche Belastungen die Betuwe für alle Städte und Gemeinden entlang der Strecke in letzter Konsequenz mit sich bringt.

Denn die Unterschiede dies- und jenseits der Grenze sind gewaltig: Während die 160 Kilometer lange Betuwelinie vom Rotterdamer Hafen bis Zevenaar an der deutschen Grenze komplett neu und ausschließlich für den Güterverkehr gebaut wurde, soll ab Emmerich das vorhandene Schienennetz weiter genutzt werden.

Vertraglich festgezurrt wurde das im Oktober ‘92: Deutschland und die Niederlande unterzeichneten die Warnemünder Vereinbarung, wonach sich Deutschland verpflichtete, den Abschnitt Emmerich-Oberhausen für die Mehrnachfrage auszubauen. Dafür existierten etliche Pläne inklusive Unterführungen und Lärmschutz, von denen bis dato keiner konkret realisiert wurde. Der Bau des 3. Gleises steckt laut Studie noch im planungsrechtlichen Anfangsstadium.

Geplant: 800 Züge pro Woche

Auf holländischer Seite hingegen wurde die Strecke nach zehnjähriger Bauzeit 2007 in Betrieb genommen. Bis Ende 2009 wurden 4,7 Milliarden Euro investiert, 1992 waren die Kosten auf 2,3 Milliarden geschätzt worden. Derzeit wird die Stecke von rund 320 Güterzügen, jeweils mit Dutzenden von Waggons, genutzt. Bis 2013 sollen es 800 pro Woche (!) sein. Die Strecke von Emmerich bis Oberhausen führt durch teilweise stark besiedelte Gebiete. Wobei etliche Häuser exakt zwischen Bahn und Bundesstraße liegen.

In den Kommunen entlang der geplanten Trassen haben sich mittlerweile zahlreiche Bürgerinitiativen gebildet, denen es vor allem um einen vernünftigen Lärmschutz geht.

Nicht das einzige Problem: An den 55 Bahnübergängen werden schon jetzt die Wartezeiten für Autofahrer immer länger. Und: Einsätze von Notärzten und Rettungswagen werden dadurch erschwert.

1,4 Milliarden Euro für 60 Kilometer Gleis

Laut Studie des Umweltbundesamtes kann das Ausbauvorhaben Emmerich-Oberhausen in der bisherigen Konzeption nicht überzeugen: „Weil die Kosten in Höhe von 1,1 bis 1,4 Milliarden Euro für 60 Kilometer drittes Gleis plus Lärmschutz deutlich zu hoch sind“. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, einen linksrheinischen Bypass von Emmerich-Elten über den Rhein bis Kleve und weiter bis Krefeld „ernsthaft zu prüfen“.

Schließlich sei die Region schwächer besiedelt. Zudem könne die angeblich „gut erhaltene Rheinbrücke Griethausen“ ja wiederhergestellt werden. Nun ja. Diese Brücke stammt aus dem Jahr 1865 und wäre mit absoluter Sicherheit für den massenhaften Güterverkehr nicht mehr geeignet.

BISS: Ausbau des Lärmschutzes Gebot der Stunde

Der Kreis Klever Landrat Wolfgang Spreen hält derlei Planspiele „nach derzeitigem Kenntnisstand für unrealistisch“. Er kenne die Studie bis dato nur aus der NRZ, betont Spreen: „Mein Eindruck ist, dass das gesamte Verfahren mit Blick auf die Vereinbarungen zwischen Deutschland und den Niederlanden schon recht weit gediehen ist.“ Er sei zwar kein Experte, aber allein ein Brückenbau über den Rhein sei in Deutschland eine Frage von zehn bis 20 Jahren.

Ähnlich denken Bürgerbewegte wie Heinz Mülleneisen von der Dinslakener Initiative „Betuwe-Linie – so nicht!“. Er hält den Vorschlag des Bundesumweltamtes für zu teuer und nicht umsetzbar. Der Ausbau des Lärmschutzes müsse das Gebot der Stunde sein, meint Karl-Heinz Jansen von der Emmericher IG-Biss: „Man sollte die Bürger jetzt nicht ablenken, indem man von einer Betuwe über Kleve spricht.“

 
 

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