Der Hafen, das Herz von Kleve

Foto: Kleve

Kleve..  „Ich wusste gar nicht, dass Kleve einen Hafen hat, als ich herkam“, sagt Ursula Capecki. Inzwischen hat der Hafen es ihr „angetan“ und sie leitet in einer Stadtführung Interessierte vom Opschlag zum Hochschulgelände – denn da lag einst das nasse Herz der Stadt. Vor zwei Jahren verlegte die Verwaltung wegen des Hochschul-Neubaus den Hafen (oder was aus vergangenen Zeiten noch davon übrig geblieben war) noch weiter außerhalb. Inzwischen aber trauert die Schwanenstadt ein wenig ihrer maritimen Geschichte nach und will – so sinnieren Politik und Verwaltung – das Wasser wieder bewusster in die Stadt holen.

Wie es einst hier aussah, zeigte Ursula Capecki einer rund 30köpfigen Gruppe. Es waren alteingesessene Klever, Neubürger und auch ein paar Hafen-Gäste mit eigenem Boot, die sich am Ufer entlang durch die Geschichte führen ließen.

Und wieder Johan Moritz

Immerhin hat Kleve eine der ältesten künstlichen Wassertrassen Deutschlands. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts nahm die Historie des Stadt-Hafens ihren leisen Anfang, als Kleve mit dem Bau des Spoykanals einen Zugang zum Rhein suchte. Erst Johan Moritz von Nassau-Siegen hat nach langer Kriegszeit „Mitte des 17. Jahrhunderts den Hafen wieder aufgepeppt“, sagt Capecki. „Sie hüpfen hier gerade auf dem Wasser“, deutet die Stadtführerin auf den Betonboden des Parkplatzes neben dem Hagebaumarkt. Da war einst das Hafen-Wendebecken, das nach dem Zweiten Weltkrieg zugeschüttet wurde. Fünf Ziegeleien enstanden in Spyck. Ruhrkohle, Baustoffe und Guano wurden den 8000 Einwohnern angeliefert sowie Holz fürs Sägewerk Dorsemagen, eine der ältesten und immer noch aktiven Firmen von Kleve. Das herrliche Haupthaus des Firmensitzes wurde leider in den 90er Jahren abgerissen. „Eine Schande, dass die Stadt Kleve das zugelassen hat“, findet man in der Gruppe.

An die Baumstämme am Ufer erinnert sich Ingeborg Kleindorp: „Ich habe das als Kinder erlebt, als ich hier Verwandte besuchte,“ sagt die Frau aus Kalkar.

Bau der Briener Schleuse

„Im 17. Jahrhundert ist die Spoy verlandet“, erfährt die Touristengruppe dann und blickt gegenüber auf das einst breite Becken, das nun wegen der Baustelle Volksbank deutlich schrumpfte, die Spuntwand wurde versetzt. Es bleibt „kein Feeling mehr vom einstigen so wichtigen Transportweg für die Stadt mit den ihn ehemals säumenden idyllischen Obstgärten“.

Etwas weiter fällt der Blick über den Kanal auf das Straßenbahndepot der „Klever Elektrischen“ (von 1911) und die Reste der Industrie, die Kleves wirtschaftlichen Erfolg mit bestimmten: die XOX-Keksfabrik und Bensdorp Kakao, die Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts ihre große Zeit hatten.

1910 braucht die Stadt einen neuen Hafen: Die Stadt wurde größer, das Baugewerbe wuchs rasch und auch die Lebensmittel-Industrie. Der Hafen wurde an der Neuen Werft errichtet. 1907 baute man die Schleuse Brienen und den Kanal für 600-Tonnen-Schiffe aus. Das neue Gaswerk (1906) stand nun mit zwei großen Gasometern im neuen Hafen: Kohle für das Gaswerk konnte direkt vom Wasser aus und mit einer Hafenbahn angeliefert werden.

Umweltkatastrophe 1975

Was man heute Altlasten im Boden nennt, war damals unbeachteter Nebeneffekt der Ölmühle am Opschlag und der Lederfabrikant Haas auf der Kellener Seite des Kanals. Die schlimmste Umweltkatastrophe erlebte der Spoykanal übrigens deutlich später, 1975 durch einen Mineralöl-Unfall im Hafen – inzwischen wurde dort an Stelle der beiden ehemaligen Gasometer in großen Tanks Öl gelagert. Vogel- und Fischsterben waren die Folge.

Es begann 1847 mit zirka 200 Schiffen pro Jahr. Zum Vergleich: Der Emmericher Hafen sieht heute täglich 500 Schiffe. Man steigerte sich in Kleve auf 800 Schiffe. Ende des 19. Jahrhunderts aber war der Boom wieder vorbei. Weil der Kanal schwierig zu befahren war, weil er zufror und versandete. „Das ist das große Problem des Klever Hafens“, sagt Ursula Capecki. Der Spoykanal hatte eine Tiefe von etwa 2,50 Metern, die Fahrrinne des Rhein dagegen hatte man im Laufe der Jahre künstlich immer tiefer gelegt.

Die interessierte Bürgergruppe schlendert weiter. Vorbei an den Resten der ehemaligen Eisenbahnbrücke, jetzt Draisinenbrücke, an der erste Liebespaare Anno 2013 ihre gravierten Schlösser verewigen. „Kleve war seit 1863 über die Strecke in den Westen nach Nimwegen und in den Norden zum Eisenbahntrajekt Welle, das die Waggons über den Rhein schiffte mit den europäischen Zentren verbunden“, weiß Capecki. Für Nimwegen brach mit der Strecke nach Kleve ebenfalls das Eisenbahnzeitalter an.

Erfolg hatte der Hafen im beginnenden 20. Jahrhundert durch steigende Bedürfnisse nach Gas zum Heizen der Öfen der XOX-Keksfabrik, durch Kriegslieferungen an Getreide, durch Baumaterial für den Bau des Westwalls. Capecki zeigt Fotos rund: Es dampfte, zischte, Hafenarbeiter sind emsig beschäftigt. Das einzige heute noch stehende Original: das kleine Hafenmeisterhäuschen vor dem ehemaligen Rhenania-Getreidespeicher.

Badeanstalt im Hafenbecken

Gleich hinter dem Gaswerk von 1910 mit seinen charakteristischen Schornsteinen lag übrigens die Klever Badeanstalt. Vom vorbeifahrenden Zug aus konnten die Holländer die entblößten Klever sehen. Das gefiel den Schwanenstädtern nicht lange. Das Schwimmbad wurde dann bald verlegt.

Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert erhellte Kleve: Die Stadt bekam eine Gasbeleuchtung, die ab 1963 übrigens mit Ferngas betrieben wurde.

Ungetüm Hubbrücke

Ein Ungetüm war die Hubbrücke von 1932, die Schiffe zum Wendebecken bei Dorsemagen durchließ. Heute sind kriegsbedingt nur noch Reste zu sehen. Eine kleine, aber tatsächlich funktionierende Hubbrücke ist auf dem neuen Hochschulgelände gebaut – als die Hamburg-Klever Architektengruppe noch 2010 damit rechnete, dass Bootsverkehr wieder in die Stadt fährt.

Der aus Kamp-Lintfort gekaufte Kran von 1964 erinnert an den ursprünglich dampfbetriebenen, später elektrischen Dreh- und Hebekran, der die Lager der Industrieanlagen versorgte (und 2005 überraschend abgerissen worden war): Rhenania.

 
 

EURE FAVORITEN

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Beschreibung anzeigen