Der einsame Ehrenbürger

Wolfgang Remy
polen feiert am 08.05.2009 ihre 10 jahre mitgliedschaft in der noto im innenhof der schwanenburg. kleves ehrenbürger fritz leinung bei seiner festrede Foto und Copyright thorsten lindekamp
polen feiert am 08.05.2009 ihre 10 jahre mitgliedschaft in der noto im innenhof der schwanenburg. kleves ehrenbürger fritz leinung bei seiner festrede Foto und Copyright thorsten lindekamp
Foto: NRZ
Pfarrer Fritz Leinung (80) lebt seit gut einem Jahr im Herz-Jesu-Altenheim in Kleve. Besuch bekommt er eigentlich nur noch von Leuten „seiner“ Klosterpforte

Kleve / Emmerich.  Er war immer ein Mann der leisen Töne. Jetzt, wo Kleves Ehrenbürger gesundheitlich angeschlagen seit gut einem Jahr im Herz-Jesu-Altenheim wohnt, ist es um den 80jährigen gebürtigen Eltener still geworden. Sehr still. Besuch erhält der Mann kaum, der sich zeitlebens für die Schwachen in der Gesellschaft beispielhaft eingesetzt hat. „Ja, ja“, sagt er nachdenklich. Und schweigt zunächst.

„Fritz Leinung“ steht auf dem Schildchen, das an der Wand neben der Zimmertüre hängt. Ein dunkler Schrank im Inneren erinnert an seine frühere Wohnung, vollgestellt mit Literatur. Lesen ist die große Leidenschaft für den Mann, der sieben Sprachen, darunter Latein, fließend spricht, und auch selbst Bücher geschrieben hat.

Nur, dass er jetzt nicht mehr lesen kann, wegen einer Augenerkrankung, die wohl nicht zu heilen ist. „Nur noch die großen Überschriften in der Zeitung kann ich so gerade erkennen“, lächelt der alte Mann. Manchmal, verrät er, liest ihm ein Besucher auch interessante Artikel aus der NRZ vor. Seine Tageszeitung bekommt er immer noch täglich. Ansonsten „höre ich Fernsehen“, schmunzelt er.

Informiert über das Geschehen vor Ort ist der Geistliche trotzdem. „Das mit Frau Prof. Klotz an der Hochschule ist schlimm. Die hat doch so viel dafür getan“, findet Leinung. Und weiß noch etwas zur Hochschule zu erzählen. Denn seine frühere „Unterstadtkirche“ soll ja Studenten-Kirche werden. Das finde er gut. „Da sind ja jetzt so viele ausländische junge Menschen in Kleve. Die Kirche wird schon gut besucht“, glaubt er.

Der Glaube ist das, was diesen außergewöhnlich barmherzigen Menschen immer angetrieben hat. Als Kind hatte Leinung die Schrecken des Krieges selbst miterleben müssen. Und sich fortan für die Verständigung eingesetzt. Mit den Niederländern, den Briten und besonders den Polen. „Die freuen sich jetzt sehr, dass sie zum Westen gehören“, spielt Leinung aufs gespannte Verhältnis zu Russland an.

Dabei hatte der 80- Jährige schon in den 1980er Jahren an dem Erstarken der Gewerkschaft Solidarnosc mitgewirkt, sogar Geheimverhandlungen in Danzig zwischen polnischen und deutschen Militärs, der Kirche und der Gewerkschaft beigewohnt. Für sein damaliges Engagement zeichnete ihn 2002 der polnische Botschafter im Kurhaus Kleve mit dem „Kavalier-Kreuz des Verdienstordens der Republik Polen aus“.

„Hundertfachen Dank, dass Du einfach da bist“, hatte der Botschafter damals gesagt. Das ist Leinung, der 2001 zum Ehrenbürger der Stadt Kleve gemacht wurde, immer noch. Nur dass heute kaum mehr einer zu Besuch kommt. Nicht aus Emmerich, nicht seitens der Kirche, auch nicht von den polnischen Gemeinden in Kleve und Emmerich, zu seinem Bedauern, und da wirkt der 80-Jährige sichtlich traurig, auch nicht von seiner einstigen Unterstadt-Pfarrgemeinde. Bis auf die Aufwartung zu seinem Geburtstag durch den Bürgermeister, schaut wohl auch von der Stadt Kleve keiner vorbei.

Ein glückliches Lächeln huscht da doch plötzlich über sein Gesicht, wenn er von „seiner“ Klosterpforte spricht. Gleich neben der Unterstadtkirche hatte er sich über Jahrzehnte wie kein anderer um Drogenabhängige und gestrandete Menschen gekümmert, ihnen mittags zum Essen verholfen, sogar den ein oder anderen bis zum Abitur geführt. „Da kommen mich immer wieder welche besuchen. Manchmal schieben sie mich im Rollstuhl über den Gang“, sagt Fritz Leinung. Denn laufen kann der Ehrenbürger der Stadt auch nicht mehr.

Wobei es doch noch Menschen gibt, die den Kontakt zu diesem wirklich durch und durch außergewöhnlichen Menschen weiterhin pflegen. Wie der Emmericher Dr. Wilhelm Pfirrmann, dem früheren Ersten Beigeordneten der Stadt Kleve. Pfirrmann, selbst schon über 80 Jahre alt, besucht das „soziale Aushängeschild der Stadt“, das auch beim Besuch von Bundespräsident Gauck im Mai in Kleve anwesend war, immer montags, immer nach seinem Englisch-Kurs. „Das hat er verdient“, sagt der Emmericher. Recht hat er.