Das Pissoir im Archiv der Bilder

Valentina Vlasic vom Museum Kurhaus: Ihr Text zum Saadane Afifs Fountain-Projekt wurde herausgerissen nun selbst zum Kunstwerk.
Valentina Vlasic vom Museum Kurhaus: Ihr Text zum Saadane Afifs Fountain-Projekt wurde herausgerissen nun selbst zum Kunstwerk.
Foto: WAZ FotoPool
Konzeptkünstler Saadane Afif stellte im Museum Kurhaus aus. Eines seiner Werke ist jetzt als Dauerleihgabe in Kleve

Kleve..  Das Werk ist das Werk ist das Werk...Seit 2008 trifft der französische Künstler Saadane Afif mit einem alltäglichen, geradezu banalen Gegenstand wie einem Pissoir eine künstlerische Aussage. Allerdings schafft er kein eigenes Werk im eigentlichen Sinn. Seine vor gut einem Jahr im Rahmen der Ausstellung „The present order is the disorder of the future“ im Museum Kurhaus Kleve gezeigte Arbeit „Fountain Archive“ ist vielmehr Ausdruck einer radikalen Form der Konzeptkunst. Eine seiner Arbeiten ist jetzt als Dauerleihgabe Teil der Museumssammlung.

Afif nimmt mit seinem Werk, das im übrigen noch nicht vollendet ist, Bezug auf das „Fountain“ betitelte Werk von Marcel Duchamp aus dem Jahr 1917, ein gekipptes Urinal. Damals wagte dieser es, die Auswahl eines beliebigen Gegenstandes als künstlerischen Akt zu bezeichnen. Diese Haltung löste einen Skandal aus, Duchamps Toiletten-Arbeit wurde für die Jahresausstellung der Society of Independant Artists in New York abgelehnt. Sein gekipptes Urinal war jedoch sozusagen die Geburtsstunde der Konzeptkunst. Und eine Gruppe um Marcel Duchamp sorgte für die nötige Publizität. „Fountain“ wurde somit doch ausgestellt – nur nicht im konventionellen Sinn: das Urinal wurde zum Medienereignis. Vom größten Teil der Kunsthistoriker wird Marcel Duchamp daher als Erfinder des Ready-made, des industriell hergestellten Gebrauchsgegenstandes, und als Kunstrevolutionär gefeiert.

Dieser Teil der neueren Kunstgeschichte liegt dem Werk Afifs zugrunde. Er setzt den Gedanken Duchamps fort, indem er Abbildungen der „Fountain“ dorthin zurückbringt, von wo man sie vor fast 100 Jahren verbannt hatte: ins Museum. Dabei geht Afif keineswegs zimperlich vor und reißt Bilder von Duchamps „Fountain“ aus Zeitungen, Zeitschriften, Lexika, rahmt sie sorgfältig und fügt sie seinem inzwischen 363 Exponate starken „Archive“ hinzu. Der Künstler selbst – ausgezeichnet mit dem Marcel-Duchamp-Preis, dem Günther-Peill-Preis und in diesem Jahr einer von acht ausgewählten Künstlern der Berlin Biennale – tritt dabei auf konsequente Weise nicht in Erscheinung, lässt sich nicht fotografieren, nimmt nicht Stellung zu seinen Arbeiten.

Für Valentina Vlasic vom Museum Kurhaus ist es eine große Ehre, dass Afif im vergangenen Jahr 101 Bilder seines „Archive“ in Kleve zeigte. „Wir haben hier ausgestellt, was national und international auf großes Gehör stößt“, freut sich die Kunsthistorikerin. Die noch dazu für den Klever Katalog den ersten Textbeitrag zu Afifs Fountain-Projekt verfasste. Weil Duchamps Urinal zusammen mit dem Artikel abgebildet ist, hat Afif die Seite – natürlich – herausgetrennt und in einen passenden Rahmen gesteckt.

Der Klevische Beitrag zum „Fountain Archive“ ist jetzt von einem Sammler erworben worden.

 
 

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