Blick auf Gocher „Trunkenbolde“

Goch..  Die „Gaststätten und Schenkwirtschaften bis 1900“ in Goch sind ein Schwerpunktthema im neuen Heft „An Niers und Kendel“. Der frühere Gocher Stadtarchivar Hans-Joachim Koepp – der neulich mit dem Rheinlandtaler ausgezeichnet wurde – rollt die Geschichte um die „Trinkfreudigen Gocher“, so der Titel seiner Betrachtungen, auf.

Koepp beginnt mit dem ersten überlieferten Gasthaus „Zum Heiligen Geist“ im Jahr 1349. Dabei handelte es sich aber wohl um eine soziale Einrichtung im eigentlichen Sinne des Begriffs „sozial“. Hier fanden „Reisende, Wallfahrer, Pilger, Wanderprediger, Saisonarbeiter, Kranke, Waise, Arme und Alte Aufnahme und Pflege“, schreibt Koepp und ergänzt: „Der Begriff des ,Gasthauses’ war damit früher als wesentlich umfassender anzusehen.“ Allerdings: „Im Gasthaus ,Zum Heiligen Geist’ wurde auch Bier gebraut und ausgeschenkt. Auch Reisende erhielten Unterkunft. Zudem fungierte das Gasthaus seit Beginn des 17. Jahrhunderts mehr und mehr als Waisenhaus.“

Rund drei Jahrhunderte später waren Besuche in Gasthäusern und Schankstätten offenbar nichts mehr für sprichwörtliche Waisenknaben. Koepp: „1861 gab es in Goch 36 Gastwirtschaften. [...] Zusätzlich gab es 15 Kleinhandlungen mit Branntweinverkauf. Im Schnitt fiel auf je 138 Personen eine Schank-, bzw. Branntweinverkaufsstelle.“ Die zunehmende Trunksucht hatte mittlerweile derart ausufernde Zustände angenommen, dass die Polizei eingriff: „Die Gastwirte wurden angehalten, an amtlich bekannt gemachte Trunkenbolde, betrunkene Zecher, die anschreiben ließen, und an Kinder keine Spirituosen mehr zu verabreichen“, schreibt Koepp.

Wie drastisch sich der Alkoholkonsum in Goch binnen eines Jahrhunderts entwickelt hatte, belegt der Autor mit Zahlen: „1829 fiel in Goch auf 109 Einwohner eine Schenkwirtschaft, 1843 waren es bereits 150. [...] 1904 war das Verhältnis zu den Einwohnern sogar 1 : 222, das heißt, auf 222 Einwohner kam statistisch gesehen jeweils eine Gaststätte.“

Doch nach den von Koepp geschilderten Maßnahmen beruhigte sich die Lage wieder und die Gocher Bevölkerung konzentrierte sich fortan auf wichtigere Dinge als Alkohol.

Neben dieser lesenswerten Aufarbeitung präsentiert „An Niers und Kendel“ in Heft 57 weitere Themen.

Das Gemälde „Abendgebet in der blauen Kammer“ ziert den Titel des kleinen Bandes. Das Gemälde „Fünf betende Frauen im Gocher Frauenhaus“ hatte Josef van Brackel einst im Gocher Frauenhaus gemalt. Es feiert in diesem Jahr 100. Geburtstag, wie Dieter Bullack ausführlich berichtet.

„Von der Königlichen Postexpedition zum Kaiserlichen Postamt in Goch. Geschichte der Gocher Post von 1821 bis 1945“ ist ein weiteres Thema. „Die Rückkehr des Apothekerschildes“ wird beschrieben. Noch ein nennenswertes Jubiläum: „125 Jahre Evangelischer Kirchenchor“. Die „Kolonialwarenhandlungen mit exotischen Waren in Goch und Umgebung“ geben Einblick in weltoffenen Handel.

Erhältlich ist Ausgabe „An Niers und Kendel“ für 2,50 Euro beim Heimatverein Goch, Lüderitzstraße 31, Vorsitzender Willi Vaegs.

 
 

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