Berlin als Kopie von Kleve? Historiker widerlegt Hendricks Aussage

Andreas Gebbink
Die heute verschollene Zeichnung stammt von Hendrick Feltman und sie ist kurz nach der Anlage der Allee entstanden. Es waren hier im November 1653 innerhalb von zwei Wochen 600 holländische Linden gepflanzt worden. Die Lindenallee ist jünger.
Die heute verschollene Zeichnung stammt von Hendrick Feltman und sie ist kurz nach der Anlage der Allee entstanden. Es waren hier im November 1653 innerhalb von zwei Wochen 600 holländische Linden gepflanzt worden. Die Lindenallee ist jünger.
Foto: NRZ
Für Bundesministerin Babara Hendricks kommt es dicke: Ein Klever Historiker widerlegt ihr Interview zum Vergleich Kleve und Berlin: „Das ist Unsinn.“

Kleve. Wilhelm Diedenhofen hat es bereits in so vielen Beiträgen geschrieben: Berlin ist ganz gewiss keine Kopie von Kleve. „In Kleve gibt es einige eingeschliffene Märchen, die lassen sich einfach nicht aus der Welt schaffen“, sagt der anerkannte Klever Historiker. Mit Verwunderung hat er daher die jüngsten Aussagen von Dr. Barbara Hendricks in einem Interview mit der Berliner Zeitung zur Kenntnis genommen, die deutschlandweit für Aufmerksamkeit gesorgt haben.

In dem Interview wird sie zitiert: „Kleve war im 17. Jahrhundert eine der drei gleichberechtigten preußischen Residenzstädte, neben Königsberg und Berlin. Und wir Klever sind fest davon überzeugt: Unter den Linden in Berlin ist der Lindenallee in Kleve nachgebildet. die Lindenallee ist in jedem Fall älter. In Kleve gab es auch schon einen Tiergarten, als es in Berlin noch keinen gab – ebenfalls ohne Tiere, einfach als Grünfläche in der Stadt.“ Auf die Frage, ob Berlin eine Kopie von Kleve ist, sagte Hendricks: „Ein bisschen schon.“

Wilhelm Diedenhofen kann über diese Aussagen der Bundesministerin nur mit dem Kopf schütteln: „Die Anpflanzung der Allee ‘Unter den Linden’ wurde in Berlin am 16. April 1647 vorgenommen. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm der Große hatte dies in Auftrag gegeben“, sagt Diedenhofen, der sich einen Namen um die historische Aufarbeitung der Klever Gartenanlagen gemacht hat. Die Lindenallee in Kleve hingegen wurde erst 1692 von Kurfürst Friedrich III. erschaffen und die Nassauer Allee, die auch immer wieder als Vorbild für die Berliner Prachtstraße herhalten muss, wurde 1653 von Johan-Moritz von Nassau-Siegen geschaffen – genauso wie die Tiergartenallee, die heute unglücklicherweise in Kleve Tiergartenstraße heiße: „Eigentlich müsste man sie ja umbenennen“, merkt Diedenhofen an.

Prachtstraßen in Berlin und Kleve haben Ursprung in Den Haag

Die Prachtstraßen in Berlin und Kleve hätten vielmehr ihren Ursprung in den Straßen von Den Haag. Denn sowohl der Große Kurfürst als auch seine Frau Louise Henriette von Oranien haben sich hier inspirieren lassen. Die Anlagen um den Vijverberg, dem heutigen Sitz des Parlamentes in Den Haag, seien damals einzigartig gewesen, so Diedenhofen.

Der Klever Stadtarchivar Bert Thissen schreibt der NRZ: „Ob die Nassauer Allee als Vorbild für „Unter den Linden“ in Berlin gedient hat, ist fraglich. Denn der Auftrag des Großen Kurfürsten zur Anlage bzw. Bepflanzung der Allee erging zwar von Kleve aus, aber das passierte bereits am 16. April 1647, d.h.: Jahre, bevor die Nassauer Allee als älteste Allee in Kleve angelegt wurde.“ Johann Moritz von Nassau-Siegen sei auch erst am 29. Oktober 1647 in Kleve als Statthalter der Kurfürsten von Brandenburg installiert worden, er habe sich allerdings bereits früher hier aufgehalten. „Man kann nur mutmaßen, dass hier in Kleve über Pläne für sowohl Kleve wie auch für Berlin gesprochen worden ist und dass Johann Moritz dabei als Ideengeber für den Großen Kurfürsten gedient hat. Bestenfalls hat es damals bereits ein Vorhaben zur Anlage der Nassauer Allee gegeben“, schreibt Thissen. Ein Beispiel, das sie beide kannten, habe sich zu dem Zeitpunkt in Den Haag befunden: das Lange Voorhout. Noch heute eine Prachtstraße in Den Haag.

Berliner Tiergarten ist auch älter

Auch der Tiergarten in Kleve sei jünger als der Tiergarten in Berlin, so Wilhelm Diedenhofen. In Kleve wurde der Park 1656 errichtet, in Berlin schon im 16. Jahrhundert. Diedenhofen hält es auch für gewagt zu behaupten, dass Kleve eine gleichwertige Residenzstadt der Preußen gewesen sei. „Kleve war bestenfalls die Residenzstadt Nummer 4 - hinter Berlin, Potsdam und Königsberg. Ein bisschen Bescheidenheit steht uns gut zu Gesicht“, so Diedenhofen.