Aufbruch in die große Welt

Dr. Werner Thissen aus Kleve ist Erzbischof in Hamburg.
Dr. Werner Thissen aus Kleve ist Erzbischof in Hamburg.
Foto: NRZ
Der langjährige Hamburger Erzbischof Dr. Werner Thissen begeistert sich Kultur und für Fußball. Seine Heimat ist Kleve

Kleve..  Die eine Linie zieht sich vom provisorischen Fußballplatz auf einem Trümmergrundstück im Nachkriegs-Kleve bis auf die Tribüne des HSV. Die andere führt vom studentischen Konzert-, Opern- und Theaterbesucher in Köln zum gefragten Musikmoderator, Ausstellungsbegleiter und Film- und Literatur-Diskutanten zwischen Hamburg, Kiel und Schwerin. Und verbunden sind beide Linien durch eine ganz andere: die Religion.

Dr. Werner Thissen, geboren 1938 in Kleve, war bis März dieses Jahres Erzbischof von Hamburg. Dabei wusste er nach dem Abitur gar nicht so recht, was er beruflich machen sollte. Ihn interessierte einfach zu vieles. Also begann er mit einem Wirtschaftsstudium in Köln. „Zwei Gründe gab es dafür“, erinnert er sich: „Einmal unser Klever Schuhgeschäft, und zum anderen konnte man mit Wirtschaft viele Bereiche abdecken.“ Wie auch immer: Köln war für ihn der Aufbruch in die große Welt. Hier lernte er Musik, Theater, Philosophie kennen. Aber was sollte er nun eigentlich wirklich machen?

Nicht verbissen werden

Ein Freund gab ihm den Rat, einfach mal ein Semester Theologie zu studieren. Das war 1961. Und Thissen merkte sofort: Das ist es. Theologie war ihm nicht fremd, als Schüler hatte er katholische Jugendarbeit gemacht. Sein Studium begann im Vorfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils. An den ersten Konzilstag am 11. Oktober 1962 erinnert er sich noch genau. Denn zu dieser Zeit war er mit zwei gleichgesinnten Studenten auf großer Fahrt durch Frankreich und Spanien, im zusammengesparten alten VW-Käfer. Im französischen Autin standen die drei unter dem wundervollen Portal der Kathedrale und fragten sich, was ihr Beitrag zum Konzil sein könne. Fasten und beten sollten die Katholiken, hatte der Papst gesagt. Das nahmen die drei sehr ernst. Zumindest bis zum Abend. „Da war es kalt, und wir waren lebenslustige Niederrheiner“, berichtet Thissen. Also bekämpften sie die Kälte mit Rotwein. Beides erscheint ihm heute gleich wichtig: sich ernsthaft bemühen, aber nicht dabei verbissen werden.

Einen heute ganz berühmten Theologen lernte Werner Thissen in Münster kennen: Joseph Ratzinger, den späteren Papst. „Wir stürmten nach seinen Vorlesungen zum Pult, und er spazierte mit uns am Nachmittag um den Aasee, wobei wir ihn mit theologischen Fragen löcherten.“ Doch am prägendsten war wohl seine Zeit als Kaplan in Dorsten, einer Bergarbeitergemeinde. Weil sich die Arbeiterfamilien dort keinen Urlaub leisten konnten, organisierte die Kirche Ferien für die Kinder. Thissen besuchte mit dem Fahrrad die Gemeindemitglieder, unterrichtete in der Schule. „Und der Pfarrer hat mich machen lassen.“

Die Zeit in Münster

Der Bischof setzte ihn nach drei Jahren dann als Jugendseelsorger im Internat Loburg ein, danach als Subregens im Priesterseminar. Während dieser Zeit promovierte er. 1977 kam er ins Generalvikariat Münster, dessen Leiter er 1986 wurde – Verantwortung für über 300 Mitarbeiter. „Da musste ich aufpassen, dass ich auch noch fromm bleibe und nicht zum Manager werde“, sagt Thissen. Das scheint funktioniert zu haben: 1999 wurde er Weihbischof, 2002 dann Erzbischof von Hamburg.

Das Erzbistum Hamburg erstreckt sich über Schleswig-Holstein bis Mecklenburg, wobei die Zahl der Katholiken vergleichsweise gering ist. Ein Drittel der Katholiken in Hamburg stammt aus anderen Ländern. Thissen: „Wir sind Weltkirche in Hamburg.“ Da singt man Kirchenlieder schon mal auf Kroatisch, Polnisch, Portugiesisch, Tongolesisch oder Vietnamesisch. Für die Schüler der 24 katholischen Schulen im Bistum hat er einen Kulturführerschein ins Leben gerufen, der Spaß an Kultur vermitteln soll. Den hat Thissen nie verloren. Nicht zuletzt deshalb bleibt er auch nach seiner Emeritierung in der norddeutschen Metropole wohnen.

 
 

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