Angekommen am Niederrhein

Konstantinos Andrikopoulos
Konstantinos Andrikopoulos
Foto: NRZ
Konstantinos Andrikopoulos lebt seit 30 Jahren in Deutschland. Im Kreis Kleve hat er eine neue Heimat gefunden: „Europa muss für die Menschen da sein“

Kleve..  1993 nahm der 30-jährige Grieche Konstantinos Andrikopoulos das Flugzeug nach Deutschland. Ein Rückflugticket hatte er nicht gebucht. Plan B - Fehlanzeige. Zurück ließ er eine schöne Kindheit, ein abgeschlossenes BWL-Studium und eine gescheiterte Existenz als Geschäftsmann. Heute ist er Musiker, Percussionist, Komponist, Musikpädagoge und Musikforscher. Seit einigen Tagen ist er auch an der Klever VHS tätig, hier gibt er Percussion-Workshops. Man kann sagen: Er ist angekommen in Deutschland. Aber das war nicht immer so.

Musikalische Familie

Geboren wurde Andrikopoulos 1963 in Patras. Während der griechischen Militärdiktatur ab 1967 zog die Familie in ein kleines Dorf, in ein „Wunder der Natur“, so Andrikopoulos. Hier lebten Migranten, die in den 20er Jahren aus Kleinasien gekommen waren, freundliche, gute Menschen, wie er sagt. Nach der Diktatur ging es zurück nach Patras. Andrikopoulos’ Vorfahren stammten aus ganz unterschiedlichen Regionen. „Meine Oma sang kleinasiatische Musik, meine Mutter Lieder vom Festland, und mein Vater liebte neueuropäische Musik und spielte Mundharmonika“, erinnert er sich.

Wurzeln schlug er nicht. Zwei Jahre Marinedienst, dann das BWL-Studium in Athen. Doch das Leben in der Hauptstadt gefiel ihm nicht, zu laut, zu stressig. Er ging zurück nach Patras, arbeitete als Barmann, machte nebenher Musik. Dann eröffnete er einen Laden für Malereibedarf. „Am Ende hatte ich fast alles Geld verloren“, erzählt er. Auto, Motorrad, Erbteil - alles weg. Wie weiter? Nach Athen wollte er nicht. „Was da heute läuft, war damals schon ein offenes Geheimnis“, sagt er. Man musste zu einer Clique oder Partei gehören, um irgendwo unterzukommen. Sich so zu erniedrigen, kam für ihn nicht in Frage. Lieber arbeitete er hart. Sehr hart. In Deutschland, in Bochum, war es zwei Jahre lang die Hölle. „Morgens, wenn ich aufwachte, dachte ich immer, ich wäre in einem Alptraum. Jeden Morgen.“

Er machte alle möglichen Jobs, lernte nebenbei die deutsche Sprache, baute sich ein eigenes Musikensemble auf, das „Paradoxon-Klangorchester“, gab Kurse an der Uni, lernte eine Frau kennen, heiratete. Heute wohnt er mit Frau und Sohn in Emmerich.

Wandern zwischen den Kulturen

Das Wandern zwischen den Kulturen beschäftigte ihn aber nicht nur persönlich. 2003 entdeckte er in der Berliner Humboldt-Universität Tonaufnahmen von griechischen Soldaten, aufgenommen 1917. Ungefähr 6500 Griechen waren zwischen 1916 und 1919 in Görlitz stationiert. Sie erlebten hier die Novemberrevolution von 1918 mit. „Den einzigen griechischen Sowjet der Geschichte gab es in Görlitz“, sagt Andrikopoulos.

Eine der vielen Absurditäten der Weltgeschichte. Ethnologen ließen die Soldaten Lieder aufnehmen und aufschreiben. Die Platten und Dokumente überdauerten. Andrikopoulos produzierte einen Film darüber, der auch auf 3sat gesendet wurde, und arbeitete an einer Ausstellung im Ethnologischen Museum Berlin mit. Er reiste nach Griechenland, suchte die Familien der Soldaten, und spielte den Enkeln die Stimmen ihrer Großväter vor. Eine Geschichte, wie man sie spannender nicht erfinden könnte. Und wie geht die europäische Geschichte weiter? „Europa ist nicht nur Geschäft, sondern sollte für die Menschen da sein“, findet Andrikopoulos. Optimistisch ist er aber nicht. „Ich glaube, das wird eine Katastrophe“, fürchtet er.

Live erleben kann man das Paradoxon-Klangorchester mit Musik zwischen Orient und Okzident am 18. April um 20 Uhr im Emmericher Schlösschen Borghees.

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