Würstchenbude im Stadion: Kein Ort für Weicheier

Vor der Würstchenbude im Stadion Strünkede: Hier treffen sich Westfalia-Fans und diskutieren über den Schiedsrichter und über die Mannschaft.
Vor der Würstchenbude im Stadion Strünkede: Hier treffen sich Westfalia-Fans und diskutieren über den Schiedsrichter und über die Mannschaft.
Foto: Ralph Bodemer
  • Nicht nur die Art und Weise, wie der Unparteiische das Spiel leitet, ist umstritten
  • Die eigene Mannschaft muss sich auch der Kritik der Fans stellen
  • Ein Tor der Heimmannschaft lässt das Fan-Herz höher schlagen

Herne..  Der Würstchenstand im Stadion Strünkede ist definitiv kein Ort für Weicheier. Vor allem dann nicht, wenn Westfalia Herne zurückliegt. Dann wird ein Schiedsrichter zur „schwarzen Sau“ und die eigenen Spieler zu „Arschlöchern“.

Fußball-Westfalenligist Westfalia Herne gegen Concordia Wiemelhausen, 15 Uhr, im legendären Herner Stadion. Ein Kollege hatte den Tipp, dass man hier was erleben kann, vor der Würstchenbude, zwischen der Stehgeraden Ost und der „Erima Lounge“.

Der Schiedsrichter pfeift auf Foulspiel gegen den Gäste-Kapitän. Nichts Ungewöhnliches, aber ein Mann mit Westfalia-Käppi, Zigarette in der linken und Bierbecher in der rechten, sieht dahinter ein Westfalia-feindliches Prinzip. „Hoho, es geht schon wieder los. Hubschrauber-Einsatz!“ ruft er. Niemand muss einen Notarzt rufen, der Kapitän kann weiter spielen und ist mit von der Partie, als zwei Minuten darauf das 0:1 fällt.

Die Männer nehmen einen tiefen Schluck aus ihrem Bier, der Mann mit dem Käppi dreht sich sogar kurz weg, um sich zu sammeln. Schockstarre. Aber der nächste Pfiff vom Schiedsrichter kommt, Freistoß für Concordia, das alte Anti-Westfalia-Prinzip. „Du schwarze Sau!“ und „Hoyzer!“ sind nur zwei Schelten. Der Mann im schwarzen Trikot ist klug und geht darauf nicht ein.

„Hau ab!“

Nicht nur die Art und Weise, wie der Unparteiische das Spiel leitet, ist umstritten. Die eigene Mannschaft spielt zu lasch. „Ich will Blut sehen!“ Statt der nötigen Härte sieht der Mann das zweite Tor.

0:2, ein überraschender Schuss ins kurze Eck, Torwart Benjamin Carpentier kann nur noch hinterherschauen. Dem Mann auf der Stehtribüne platzt der Kragen. „Ihr wollt aufsteigen! Kämpft mal, ihr Arschlöcher!“ Natürlich hat er gewartet, bis es still war.

Und es kommt noch schlimmer. Robin Klaas fliegt mit Gelb-Rot vom Platz. Wieder wird es dem Mann auf der Stehtribüne zu viel. „Pisser, ich komm gleich!“ Klaas schleicht davon, das Trikot über den Kopf gezogen. „Hau ab, geh in die Kabine!“ Der Westfalia-Kicker winkt ab, er hat’s verstanden.

Kirchenglocken auf den Rängen

Was ein Tag bisher. Der Untergang ist es aber noch nicht: Marko Onucka knallt nach einer Ecke ein skurriles Ding unter die Latte, nur noch 1:2. Die Stimmung steigt. Nach einem Foul liegt wieder ein Bochumer auf dem Boden. „Bergmannsheil, Bergmannsheil“, singt einer. Zwanzig Meter weiter dreht sich deswegen ein anderer um und raunt: „Dat ist kaputt.“ Das war dann doch zu viel.

Mit einem Mann weniger löst sich Westfalia aus der Starre und spielt besser. Den Fans gefällt’s, den Abschluss von Fatmir Ferati kann der Gäste-Keeper gerade noch entschärfen, von Raunen und Kopfschütteln begleitet. „Genau so müssen sie spielen: Pflastern, pflastern, pflastern!“ Die Anhänger sind besänftigt. Wie von Kirchenglocken schallt von den Rängen „Herne, Herne“.

Wieder Auftritt des Mannes auf der Stehtribüne. Scheint eine miese Laune an diesem Sonntag zu haben. Seine Frau hat ihm Bier geholt, er empfängt sie mit „Wird auch Zeit, Alte.“ Die anderen Männer lachen, die Frau lacht mit.

„Mein Gott, der ist Torwart“

Das Fan-Volk der „Erima Kurve“ ist nicht immer einer Meinung. Manchmal geht’s auch bunter. Kurz vor der Pause fliegt ein Gäste-Schuss über die Latte. Keeper Benjamin Carpentier hatte sich gar nicht erst gestreckt bei dem Fernschuss. „Reagiert der Torhüter überhaupt nicht? Hat der Schlaftabletten genommen?“ – „Nein, das hat er gesehen. Mein Gott, der ist Torwart!“

Endlich Halbzeit, endlich Zeit für eine Wurst und ein Bier.

Das Fass ist alle, eine Kellnerin fragt, ob der Mann mit dem Westfalia-Käppi kurz helfen kann. Er zögert nicht eine Sekunde, klemmt die Zigarette in den Mundwinkel und beugt sich unter die Theke. Auch nicht ganz uneigennützig.

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