Wohngemeinschaft am Ende

Nur eineinhalb Jahre nach der Eröffnung ist die erste Wohngemeinschaft für dauerhaft künstlich beatmete Patienten aufgelöst worden. Der Betreiber hat sich zurückgezogen. Die Familien der Patienten fühlen sich durch die Umstände „wie vor den Kopf geschlagen“.

Herne. Gut eineinhalb Jahre nach ihrer Eröffnung ist die erste Herner Wohngemeinschaft für dauerhaft künstlich beatmete Patienten in Sodingen aufgelöst worden. Als Grund für seinen Rückzug nennt Betreiber Tino Henn von der Gruppe „Ihr Pflegeteam“ auf Anfrage Auseinandersetzungen mit der städtischen Bauaufsicht, die ihm zuletzt im September 2011 per „Ordnungsverfügung“ eine Neuaufnahme von Patienten untersagt hatte.

„Wir haben uns nach einer neuen Wohnung umgesehen, aber keine geeignete gefunden“, sagt Henn. Am Ende hatten nur noch eine 84-jährige Frau und ein 56-jähriger Mann in der Wohnung an der Mont-Cenis-Straße 247 gelebt – für einen wirtschaftlichen Betrieb zu wenige. Für sie kam das Aus überraschend (siehe unten).

Schon der Start der Beatmungs-WG in Herne war umstritten. Die zentrale Frage im Sommer 2010: Handelt es sich bei der 250 qm großen Altbauwohnung um eine Betreuungseinrichtung im Sinne des Wohn- und Teilhabegesetzes (WTG)? Dann nämlich unterläge sie der städtischen Heimaufsicht. Tino Henn hatte eine Ausnahmeregelung angestrebt, mit der Argumentation, dass sonst die Idee vom Leben in einer kleinen familienähnlichen Wohngemeinschaft ad absurdum geführt sei.

Auf den Einzug der ersten Patientin im September folgte ein behördliches Veto: Der Fachbereich Soziales sah die WG dem Gesetz (WTG) unterstellt, was die Erfüllung technischer, baulicher und personeller Auflagen erfordert hätte, zum Schutz der Bewohner. Grünes Licht gab Fachbereichsleiter Jürgen Auf’m Kamp, nicht ohne Bedenken, erst nach einem Gespräch mit Henn im Oktober 2010. Durch eine formaljuristische Änderung, indem er Wohnen und Pflege in eine Hand legte, hatte der Betreiber der Stadt den Wind aus den Segeln genommen. Sie sah keine Handhabe mehr, eine Befreiung aus dem WTG zu verweigern. Die Konstruktion fortan: „Leuchtturm Wohnen“ mietete die Wohnung vom Eigentümer und vermietet sie an „Ihr Pflegeteam Essen“, das dann die einzelnen Zimmer an die Patienten untervermietete. „Ihr Pflegeteam Westfalen“ stellte den Pflegedienst. Geschäftsführer ist stets Tino Henn.

Unabhängig vom Fachbereich Soziales schaltete sich auf einen Hinweis des Rettungsdienstes 2011 der Fachbereich für Stadtplanung und Bauordnung ein, wie dessen stellvertretende Leiterin Miriam ten Busch bestätigt. Was die Bauaufsicht sah, nämlich hilflose Patienten, die sich bei Gefahr nicht hätten retten können, wollte sie nicht billigen. Nach einer ersten „Nutzungsuntersagung“ im Juni 2011 (weil nach Auffassung der Stadt keine „wohnungsähnliche Nutzung“ vorlag) und einer richterlichen Begehung habe der Betreiber dann signalisiert, die Wohnung aufgeben zu wollen. Darauf folgte im September besagte Ordnungsverfügung mit dem Verbot von Neuaufnahmen, gegen die Tino Henn nichts unternahm.

Fachbereichsleiter Jürgen Auf’m Kamp erfuhr erst durch die WAZ-Recherchen von der Auflösung der Beatmungs-WG. Seit sie aus der Heimaufsicht entlassen sei, werde nur einmal im Jahr überprüft, ob die Bedingungen für eine Befreiung noch vorlägen. Der von der Landesregierung geplanten Änderung des WTG, mit dem Ziel alternative Wohnformen zu stärken, steht Auf’m Kamp zwiespältig gegenüber. Einerseits werde die Novelle dem Leben in Wohnungen gerechter, wenn sie z.B. eine Dusche statt eines Pflegebades ermögliche. Auf der anderen Seite bleibt der Amtsleiter skeptisch. Wenn man die Auflagen zu sehr lockere, riskiere man, dass „Gewinnstreben über Bewohnerinteressen“ stehe.

Tino Henn sieht sich in Herne als Opfer der Bürokratie. Ihm seien zu viele Steine in den Weg gelegt worden. Bauliche Veränderungen habe er als Mieter nicht veranlassen können. Er ziehe sich nun komplett aus dem Geschäft mit den dauerbeatmeten Patienten zurück: „Das ist zu kompliziert.“

Maria Kirchhoff, 84 Jahre alt, zog im Juli 2011 in die Beatmungs-WG ein. Nach erfolgloser Suche nach einem Pflegeheim für ihre Mutter waren Sohn und Tochter froh, diese Möglichkeit der intensiven Betreuung gefunden zu haben. Die alte Dame aus Bochum war nach einem Herzstillstand an eine Tracheal-Kanüle zur Beatmung angeschlossen worden und wird zudem über eine PEG-Sonde künstlich ernährt. Für das 12 qm große Zimmer zahlte die Familie 500 Euro plus 150 Euro Haushaltsgeld, weitere 17000 Euro im Monat für die Betreuung durch „Ihr Pflegeteam“ übernahm die Krankenkasse.

Waren Susanne Kirchhoff und ihr Bruder Thomas zunächst zufrieden mit der Unterbringung und Pflege ihrer Mutter, wurden sie gegen Jahresende hellhörig. „Die ersten Pflegekräfte kündigten im Dezember“, berichtet Susanne Kirchhoff, entsprechend längere Schichten hätten die verbleibenden Kräfte im Januar absolvieren müssen. Sie spricht von zwölf Stunden und mehr, nach denen die Pfleger regelrecht „ausgepowert“ gewesen seien. Am 31. Januar habe der Nachtpfleger dann angekündigt, „alle Tagespfleger hätten sich krankgemeldet.“ Die Kirchhoffs mussten handeln: Da ihre Mutter rund um die Uhr betreut wird, musste sofort Ersatz gefunden werden. Noch am Vormittag sprang ein anderer Pflegedienst, die Familien- und Krankenpflege Bochum, ein. Inzwischen lebt Maria Kirchhoff wieder zu Hause in Bochum-Grumme, 24 Stunden am Tag intensivbetreut.

Ein weiterer Patient, der letzte von ehemals fünf, ist in der letzten Woche nach Hause zurückgekehrt. Der 58-Jährige liegt seit gut einem Jahr nach einem Herzinfarkt im Wachkoma. Seine Schwester und Betreuerin berichtet: „Uns wurde immer gesagt, man suche eine neue Wohnung. Bis es im Januar hieß, wir sollten uns selbst ein Apartment suchen. Wir waren wie vor den Kopf geschlagen, nachdem wir immer vertröstet worden waren.“ Jetzt hat die Familie im Elternhaus ein Zimmer hergerichtet, wo den Sohn ein neuer Pflegedienst betreut.

Eine schriftliche Kündigung haben beide Familien nicht erhalten. Tino Henn erklärt, dass sie gewusst hätten, dass man die Wohnung aufgebe. Ob die plötzliche Auflösung die richtige Form gewesen sei, sei eine „moralische Frage“. Zu weiteren Fragen, etwa dem Verbleib der Pfleger, lehnt Henn eine Stellungnahme ab.

 
 

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