Westfalia nie aus den Augen verloren

Redaktion
Der in Herne aufgewachsene Christoph Biermann („11 Freunde“) ist einer der renommiertesten Fußballjournalisten in Deutschland. Foto: Kirsten Weber/Stadt Herne
Der in Herne aufgewachsene Christoph Biermann („11 Freunde“) ist einer der renommiertesten Fußballjournalisten in Deutschland. Foto: Kirsten Weber/Stadt Herne
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Herne. Der „11 Freunde“-Chefredakteur Christoph Biermann erzählt im WAZ-Interview über sein erstes Mal bei Westfalia, sein früheres Idol Jochen Abel, seine eigene Fußballvergangenheit in Herne und vieles mehr.

Messen wir doch mal Ihren aktuellen Westfalia-Faktor: Wissen Sie, auf welchem Platz Westfalia Herne nach sieben Spieltagen in der NRW-Liga steht?

Christoph Biermann: Westfalia steht auf dem vorletzten Platz mit drei Punkten.

Richtig! Der WAZ-Kollege Volmer hat nach der jüngsten 0:2-Niederlage gegen TuS Dornberg eine Parallele zu Selbstgeißelungen im Mittelalter gezogen. Zitat: „Um wie viel bequemer hat es der Sünder dieser Tage, sofern er in Herne und Umgebung wohnt. Er streift sein blau-weißes Büßerhemd über und geht sonntags ins Stadion Schloss Strünkede. Mehr Selbstkasteiung geht nicht.“ Leiden Sie mit?

Seit einem Jahr lebe ich in Berlin, bin also inzwischen in jeder Hinsicht weit weg. Von daher hält sich das Leiden in Grenzen. Ich muss aber gestehen, dass ich jeden Sonntag schaue, wie Westfalia gespielt hat. Ich hoffe, dass es bald wieder besser geht. Man muss aber mit Vereinen wie Westfalia Herne Nachsicht haben, weil für sie alles enorm schwierig geworden ist. Die großen Clubs in der Nachbarschaft wie Schalke, Dortmund oder Bochum ziehen inzwischen fast das gesamte Interesse auf sich – nicht nur das der Zuschauer. Auch lokale Handwerker oder Kleinunternehmer, die früher solche Vereine unterstützt haben, kaufen sich heute lieber Business-Seats auf Schalke oder beim BVB.

Wann haben Sie zuletzt ein Spiel von Westfalia am Schloss Strünkede gesehen?

Das muss in der letzten oder vorletzten Saison gewesen sein. Mein Vater wohnt in Herne. Wenn ich in der Gegend bin, sehe ich zu, dass ich mir ein Spiel anschauen kann - einfach aus nostalgischen Gründen.

Apropos Nostalgie: Können Sie sich an ihr erstes Mal bei Westfalia erinnern?

Ich war als kleines Kind bei einem Heimspiel, das muss so Mitte der 60er Jahre gewesen sein. Daran kann ich mich aber nur noch dunkel erinnern. Das „richtige“ erste Mal war noch in der Regionalliga West gegen den VfR Neuss. Ich weiß noch, dass mein Vater ganz aufgeregt war, weil bei Neuss ein kleiner, dicker Mann mitgespielt hat. Es handelte sich um Albert Brülls, ein deutscher Nationalspieler und WM-Teilnehmer 1966. Auf mich hat der aber keinen großen Eindruck gemacht.

Wie ging’s weiter mit der Fan-Karriere?

Ich bin dann vor allem in den 70er- und 80er-Jahren regelmäßig zu Westfalia gegangen und bei Auswärtsspielen dabei gewesen. Ich war auch Mitglied im Fanclub „Die Ritter“.

Junge Fußballfans haben Idole. Wie hieß denn ihr Vorbild?

Eindeutig: Jochen Abel! Ein großartiger Stürmer. Ich hatte, wie viele andere Westfalia-Fans, noch einen höherklassigen „Zweitverein“. Bei mir war das der VfL Bochum, und dahin ist Abel dann gewechselt. Das passte also hervorragend.

Später spielte er ja dann auch noch für Schalke 04 …

Genau. Das war perfekt, denn Jochen Abel ist mit Schalke sofort abgestiegen.

Haben Sie selbst für Westfalia Herne die Stiefel geschnürt?

In der B-Jugend habe ich bei DJK Elpeshof, in der A-Jugend bei Sportfreude 19 am Stadtgarten und später wirklich für Westfalia Herne gespielt. Das war allerdings in der dritten Mannschaft in der Kreisliga C. Ich war weitgehend talentfrei.

Der Autor Frank Goosen hat sich beim VfL Bochum in die Pflicht nehmen lassen und ist Mitglied des Aufsichtsrats geworden. Wie würden Sie denn reagieren, wenn Ihr kriselnder Lieblingsclub Westfalia Herne Sie morgen um Hilfe bitten würde?

Das würde ich nicht machen, weil ich Journalist bin. Und selbst wenn ich all die Jahre meine Sympathie für Westfalia Herne oder den VfL Bochum nie verheimlicht habe, sehe ich mich beruflich zur Neutralität verpflichtet. Das nehme ich auch ernst. Es gibt ja Journalisten, die das anders gehalten haben, zum Beispiel Jörg Wontorra bei Werder Bremen. Aber ich finde, das geht nicht.

Wenn Sie sich für einen Club entscheiden müssten – wäre das Westfalia Herne oder VfL Bochum?

Das sind zwei Liebesbeziehungen, die sich zum Glück nicht ausschließen – dafür sind die Welten inzwischen zu weit voneinander entfernt. Ich halte es auch nicht für realistisch, dass die Clubs noch mal in einer Liga spielen. Das war zuletzt 1971 der Fall. Ich glaube nicht, dass ich das noch einmal erleben werde.

Können Sie sich denn vorstellen, mal beruflich für einen Verein tätig zu sein?

Nein, dafür macht mir meine Arbeit einfach viel zu viel Spaß. Ich weiß auch nicht, ob das sinnvoll wäre. Es hat zwar mal die Anfrage von einem Bundesligaclub gegeben, aber das war doch etwas halbgar.

Welcher Verein ist denn an Sie herangetreten?

Das möchte ich nicht sagen. Es war aber kein Verein aus dem Ruhrgebiet.

Ihr letztes Buch hieß „Die Fußball-Matrix“ und hat dazu geführt, dass Sie von Kritikern als „Fußball-Guru“ oder „Deutschlands bester Fußballautor“ bezeichnet wurden. Womit befassen Sie sich in ihrem nächsten Buch?

Es gibt eine grobe Idee. Ich habe momentan einfach zu wenig Zeit, um das intensiver zu verfolgen.