Wer ist Anne?

Ein intelligentes Stück zeitgenössischer Bühnenliteratur führte das Freie Ensemble des Theater Kohlenpott in den Flottmann-Hallen auf.
Ein intelligentes Stück zeitgenössischer Bühnenliteratur führte das Freie Ensemble des Theater Kohlenpott in den Flottmann-Hallen auf.
Foto: theater Kohlenpott

Herne.. Die Hauptperson bleibt unsichtbar, steht aber im Mittelpunkt aller Szenen. Wer ist diese Frau? Mit „Angriffe auf Anne“ zeigt das ambitionierte freie Ensemble des Kohlenpott-Theaters bei Flottmann ein intelligentes Stück zeitgenössischer Bühnenliteratur.

Es geht um Anne. Oder heißt sie Annie, Anja...? In einer raschen Szenenfolge erzählen unterschiedliche Personen ihre Geschichte über Anne, schildern ihre Sicht auf diese Frau, die sich entzieht, je mehr der Zuschauer über sie erfährt.

Anne ist nicht eindeutig, zu unterschiedlich und widersprüchlich sind die Episoden, aus denen sich ihr Bild zusammensetzt: Künstlerisch ambitioniert, vom Freiheitsethos beseelt, Tomatenzüchterin, Reisebegleiterin, kaltblütige Terroristin, verfolgtes Opfer des Terrors. Jeder weiß ein wenig über Anne, gibt seine subjektive Sicht auf der Bühne preis.

Subjektiv gefärbt

Der Zuschauer hört Aussagen und Teilinformationen, er sammelt und sortiert Bruchstücke, die sich nicht zum schlüssigen Muster einer Persönlichkeit fügen wollen. Er kann sich der Wahrheit nicht sicher sein - wie sollte er auch. Alle Aussagen sind subjektiv gefärbt, ausgewählt oder unter Druck entstanden. Auf diese Weise setzt sich in einer von Medien dominierten Welt ein Bild zusammen, das als Wirklichkeit gilt: Alles Lüge. Diese zwei Worte auf Plakaten und T-Shirts halten die Akteure dem Zuschauer während der Szenenfolge immer wieder vor Augen.

Hohes Tempo

„Angriffe auf Anne“ aus der Feder des britischen Bühnenautors Martin Crimp wurde 1997in London im Royal Theatre uraufgeführt. Das Freie Ensemble hat sich mit dieser Inszenierung viel vorgenommen und bleibt manchmal hinter seinem hohen Anspruch zurück. Das ist nicht verwunderlich, denn „Angriffe auf Anne“ verlangt viel: Die Laien-Schauspieler sind auf der Bühne zu ständigem Szenen- und Rhythmuswechsel in hohem Tempo gezwungen. Auch unter diesem permanenten Druck gelingen den Akteuren starke Szenen.

Schrille Selbstinszenierung

Hektik und Konfusion hingegen entstehen, wenn viele Stimmen, Emotion und Action das Geschehen prägen: Dann ist die Szene - vielleicht absichtsvoll - so überreizt und überladen wie eine schrille Selbstinszenierung der Medien, und mit der Sprechkultur auf der Bühne bleibt beim Zuschauer der Spaß auf der Strecke. Am überzeugendsten sind die Akteure, wenn sie konzentriert und in Ruhe tun dürfen, was sie am besten können: spielen. Mehr muss gar nicht sein.

 
 

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