Wenn der Schirm zur Waffe wird

Die Schule verzeichnet seit Sommer 2015 einen Schülerzuwachs von rund 30 Prozent. Unter Anleitung von Lars Heyden trainieren Sabine Fergg (links) und Übungsleiterin Alina Fellendorf (rechts) die Abwehr eines Faustangriffs.
Die Schule verzeichnet seit Sommer 2015 einen Schülerzuwachs von rund 30 Prozent. Unter Anleitung von Lars Heyden trainieren Sabine Fergg (links) und Übungsleiterin Alina Fellendorf (rechts) die Abwehr eines Faustangriffs.
Foto: FUNKE Foto Services

Herne.  Die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln sind immer noch in aller Munde. Sich selbst wehren zu können, wenn niemand sonst hilft, das sei unermesslich wichtig, findet Lars Heyden. Er ist Trainer in einer WingTsun Schule in Herne. Diese asiatische Kampfkunst legt ihren Schwerpunkt auf Selbstverteidigung, nicht Angriff.

Seit letztem Sommer hat die Schule 30 Prozent Zuwachs an Neumitgliedern. Die Begründung ist fast immer die gleiche: Die Angst vor sexuellen Angriffen wächst. Wer als Frau bereits einmal unangenehm bedrängt oder sogar sexuell belästigt wurde, weiß eins: Selten fühlt man sich so hilflos, wie in diesem Moment. Und genau das sollen Frauen sich nicht denken, so der Kampfsportlehrer: „Frauen haben so viele Alltagsgegenstände dabei, mit denen sie dem Angreifer kurzweiligen Schmerz zufügen können, um dann wegzulaufen.“ In seiner WingTsun Schule zeigt er in zwei Erwachsenen- und drei Kinderkursen solche Abwehr-Möglichkeiten. Ob nun der Schirm, die Handtasche, die Highheels oder das Portemonnaie – alles kann zu einer legalen Waffe umgewandelt werden. Doch Achtung: Für Lars Heyden gehe es bei seinen Übungen auch darum, dass die Selbstverteidigung in einem gesunden Maß bleibt.

Von Pfefferspray hält Heyden nichts

Deswegen hält der Wanne-Eickeler auch nichts von Pfefferspray. Waffenhändler melden Rekordumsätze und erleben, wie viele Frauen sich derzeit mit dem Spray eindecken, das eigentlich nur zur Tierabwehr genutzt werden soll (die WAZ berichtete). Lars Heyden rät davon ab. Denn nicht nur, dass das Spray mir selbst ebenfalls Schaden zufügt, wenn der Wind sich dreht zum Beispiel oder der Angreifer es mir entwenden kann. „Wenn ich einen Angreifer, der vielleicht „nur“ mein Bargeld will und mir körperlich nichts tut, mit einem gezielten Strahl des Sprays erblinden lassen kann, ist das nicht verhältnismäßig.“ Und möglicherweise sogar eine Straftat.

Vorübergehend Schmerz zufügen

Damit es nicht dazu kommt, lernen die Frauen und Kinder in seiner Schule stattdessen, jemandem vorübergehenden Schmerz zuzufügen. Mit dem Knirps auf den Kopf schlagen, mit einem Feuerzeug den Daumennagel eindrücken oder die Handtasche ausholen und als Wurfgeschoss nutzen – alles relativ harmlose, aber wirkungsvolle Maßnahmen, um sich zu schützen und anschließend wegzurennen.

Eine andere effektive Abwehrmaßnahme sei ein Piepser in der Handtasche, findet der WingTsun-Trainer. Dieser wird per Knopfdruck betätigt und macht einen ohrenbetäubenden Lärm. So wird der Angreifer nicht nur abgelenkt, sondern ein weiterer Effekt geschaffen: Die Aufmerksamkeit von Umstehenden wird auf den Vorfall gelenkt. So können Außenstehende dem Opfer helfen.

Nichtsdestotrotz weiß Lars Heyden, dass Köln eine Ausnahmesituation war. Denn in einem solchen Gedränge würden seine Maßnahmen nur bedingt helfen können.