Warum man aus Herne flüchten sollte

Bernd Nickel
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Herne befindet sich in durchaus illustrer Gesellschaft: Berlin, Hamburg, Frankfurt a.M., München – alles Orte, die Autor Martin Nusch gesammelt hat, um sie als „88 Städte, die sie unbedingt verlassen sollten“ vorzustellen.

Der Titel seines „Abreiseführers“ lautet „Bloßweghier“. Das es sich um ein satirisches Werk handelt, bleibt nicht lang verborgen – schon der Cover-Hinweis „Mit Sonderteil: Die schönsten Industriegebiete“ macht in diese Richtung Appetit.

Herne wird auf immerhin anderthalb der insgesamt 192 Seiten abgehandelt und befindet sich damit von der Gewichtung her auf einer Stufe mit Oldenburg, Leverkusen oder Potsdam. Während es unter dem Stichpunkt Lage bei Leverkusen heißt: „Leverkusen ist eine Ansammlung vo Werkswohnungen an der Kreuzung von A1 und A3“, fällt die Beschreibung der Lage von Herne deutlich prägnanter aus: „Bei Wanne-Eickel“ heißt es dort. Überhaupt ist festzustellen, dass der Autor Herne vor allem durch Wanne-Eickel definiert. Als wichtigsten Termin in der Stadt nennt „Bloßweghier“: Die Cranger Kirmes – „nicht das größte, aber definitiv das überfüllteste Volksfest Deutschlands“.

Unter dem Stichwort, was sich alle Touristen anschauen, vermerkt der Abreiseführer für Herne: „Nichts. Kommt nämlich keiner“. Und der Leser erfährt, dass laut einer Studie aus 2007 jährlich 0,4 Gäste pro Einwohner in Herne übernachten – letzter Platz unter 50 Städten. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 2,8.

Herne ist bekannt durch Wanne-Eickel

Und wodurch ist Herne bekannt: durch Wanne-Eickel, sagt Autor Martin Nusch und begründet: „Wanne-Eickel taucht in X Fernsehsketchen und Komödien auf, weil es so schön blöd klingt. Auch als Vergleich in W-E beliebt: Amsterdam ist das Venedig des Nordens. Oslo dagegen ist das Wanne-Eickel Skandinaviens. Keiner weiß, wo es liegt, und keiner will dort hin.“

Immerhin bei „Berühmte Bürger“ kommt das alte Herne zu seinem Recht: Jürgen von Manger sei Dank.

Aber schon unter dem Stichwort „Geschichte“ dominiert Wanne-Eickel wieder den Text: „Herne ist seit 1975 eine Stadt mit einem Geschwür. Die vorher freie Stadt Wanne-Eickel wurde damals dem etwa gleich großen Herne zugeschlagen. Seither sammeln die Wanner und Eickeler Steine, um eine Mauer zu bauen. Irgendwann werden sie genügend Material haben.“

Alles in allem bleibt der Abreiseführer „Bloßweghier“ eher flach, bedient die bestehenden Klischees, und seine einzig hervorstechende Qualität besteht im Alleinstellungsmerkmal als Antireiseführer.

Ein bisschen wenig.

Sollte jemand das im Carlsen-Verlag genuschelte Werk zum Preis 12,90 Euro bereits gekauft haben, so sei ihm geraten: Bloßwegdamit! Zur Not verschenken – die Wanne-Eickeler an Herner und die Herner an Wanne-Eickeler. Die werden sich ärgern. . .