Von den Sterbenden Demut fürs Leben lernen

Anneli Wallbaum liebt Leuchttürme. Sie sind für sie ein Symbol der Hoffnung.
Anneli Wallbaum liebt Leuchttürme. Sie sind für sie ein Symbol der Hoffnung.
Foto: WAZ FotoPool
Annelie Wallbaum ist von der aktuellen Diskussion um die Legalisierung der Sterbehilfe schwer genervt. Die Leiterin des Lukas-Hospiz nennt diesen Weg falsch und setzt auf menschliche Begleitung bis zum Lebensende. Für die Christin gilt das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten.

Herne.  Die Diskussion um Sterbehilfe ist in aller Munde. Eine ganz feste Meinung dazu hat Anneli Wallbaum, seit acht Jahren Leiterin des Lukas-Hospiz in Herne-Süd. Mit der 54-Jährigen sprach Gerhard Römhild.

Was läuft da ab momentan?

Anneli Wallbaum: Ganz ehrlich: Ich bin genervt von der Diskussion. Ich halte es für dekadent, dass lebenssatte Menschen aus dem Leben scheiden dürfen wann sie möchten.

Ist aktive Sterbehilfe eine Form der Liebe?

Nein. Geplantes Sterben wird von manchen fälschlicherweise als solches verstanden. Es gehört aber nicht in unsere Hände. Unser Grundgesetzt beruht auf den zehn Geboten. Und das fünfte Gebot lautet: Du sollst nicht töten. Von meinem Verständnis auch als Christin, ist klar, dass man das nicht als Akt der Liebe verkaufen sollte.

Wohin führt eine Legalisierung?

Ich finde es sehr schwierig, wenn man per Gesetz Moral verordnen möchte. Es stellt sich da die Frage, ob dieser Weg der falsche ist. Das ist eher ein Türöffner, denn je öfter man einen Weg beschreitet, desto breiter wird er und um so weniger sieht man die Ränder. Darin sehe ich eine ganz große Gefahr. Ist das nicht ein Schritt in die Richtung, dass sich Menschen, die sich über fühlen, so ökonomisch entsorgt werden?

Basiert Kritik an der Sterbehilfe auf der Angst, dass Hospiz- und Palliativarbeit ins Hintertreffen geraten?

Ich glaube, das sind sie in dieser Diskussion schon. Wir bemühen uns seit 30 Jahren, das Sterben wieder in die Mitte der Gesellschaft, ins Bewusstsein der Menschen zu holen und einen anderen Umgang wieder damit zu lernen. Leider wird dieser Weg des Hospizgedanken immer noch zu wenig unterstützt. Wir haben lange Diskussionen mit den Kostenträgern über die Sinnhaftigkeit der Hospize hinter uns. Das ist schlimm wenn gesagt wird, Sterbekosten sind Ressourcenverschwendung. Dabei müsste Hospizarbeit als Gegenentwurf zur Sterbehilfe viel mehr gefördert werden.

Warum darf ich nicht selbst bestimmen, wann mein Leben endet?

Leben ist ein Geschenk. Von den Sterbenden kann man Demut lernen für dieses Geschenk. Das Leben sollte also für den Menschen verfügbar sein. Und da sind wir wieder beim fünften Gebot. Aus dem Leben gehen sollte nicht verfügbar sein wie ein Kredit.

Können Sie Menschen verstehen, die um Sterbehilfe bitten?

Ja. Ich arbeite seit 15 Jahren mit sterbenden Menschen zusammen. Ich weiß, dass es für manche trotz Hospiz und Palliativversorgung immer noch ein Todeskampf ist. Da kann man diesen Wunsch auch verstehen. Den dürfen die Menschen auch haben. Das Problem ist nur, dass der Mensch, der sich wünscht zu sterben, vielleicht gar nicht tot sein will. Der möchte aus dieser Situation heraus. Da sind wir gefragt, nicht den Wunsch nach Sterben zu befördern, sondern zu gucken, was können wir an der Situation ändern, die für ihn gerade nicht aushaltbar scheint.

Wieso haben viele Menschen Angst vor einem qualvollen Tod und wünschen sich einen schnellen Tod?

Weil wir zu wenig übers Sterben wissen, außer das, was in den Medien zu lesen ist. Einerseits ist das Versprechen der Medizin da, immer zu helfen, andererseits sind die Bilder da, wo Menschen an Schläuchen hängen. Vor diesem Bild vom Sterben haben die Menschen Angst. Der Verlust der Autonomie ist für uns das Schlimmste, dass wir nicht mehr selbst bestimmen können. Da setzen wir an, sagen, dass es anders geht, dass es begleitet geht. Nicht immer ohne Leiden, aber doch mit verringertem Leiden. Es geht schön. Ja, Sterben geht auch schön, mit Unterstützung der Medizin, der Pflege, der Angehörigen. Es muss nicht angstbesetzt sein. Die Antwort auf die Frage: Wie kann Leben enden, muss der Ausbau der Palliativversorgung sein.

Darf man Menschen, die pflegebedürftig oder dement werden und nun fürchten, ihre Würde zu verlieren, die Möglichkeit der Sterbehilfe nehmen?

Wie definiere ich Würde? Ich übersetze es mit Selbstbestimmtheit. Wenn ich die nicht mehr habe, entscheiden andere für mich. Wenn ich nun Tür und Tor öffne für solche Dinge wie Sterbehilfe, dann wird es schwierig.

Haben Ihre Gäste schon mal den Wunsch nach Sterbehilfe geäußert?

Das wird an uns herangetragen. Können Sie mir nicht etwas geben, dass es zu Ende ist. Die dürfen das sagen, aber wir folgen dem nicht aus unserem Selbstverständnis heraus. Da ist immer der Blick: Will er tot sein oder will er aus dieser Situation heraus? Suizid ist für mich die reinste Form des Egoismus. Da bin ich ganz bei mir. Und wenn ich einen assistierten Suizid will, dann will ich etwas ganz Egoistisches umsetzen mit der Hilfe anderer Menschen ohne darüber nachzudenken, was macht das vielleicht mit denen. Ich habe selbst vier Kinder und kann mir nicht vorstellen, meine Kinder um diesen Gefallen zu bitten. Ich glaube, mein letzter Erziehungsauftrag ist, meinen Kindern beizubringen wie man stirbt und nicht wie man andere Menschen – Mutter, Vater – tötet.

„Am Ende zählt der Mensch“ war das Motto des diesjährigen Welthospiztages. Was bedeutet dies?

Es geht um die Betonung: am Ende. Aber das ist nicht bezogen auf den Sterbenden, sondern auf die, die ihn begleiten. In Zeiten zunehmender sozialer Kälte und zunehmender Vereinsamung ist das die Herausforderung. Wie kann ich Menschen begleiten, dass der Mensch den Menschen hat.

Frau der ersten Stunde im Lukas-Hospiz

Die gebürtige Dinslakenerin Anneli Wallbaum ist Frau der ersten Stunde im Lukas Hospiz an der Jean-Vogel-Straße 43. Seit acht Jahren leitet die vierfache Mutter die Einrichtung. Zunächst legte sie täglich die Strecke zwischen Dinslaken und Herne per Auto zurück. Die Belastung wurde zu groß. Mittlerweile hat sie eine neue Heimat an der Stadtgrenze Herne/Recklinghausen gefunden.

In Ihrem Hospiz-Büro hängen jede Menge Leuchtturm-Motive – als Fotos, Kalender oder Gegenstände. Leuchttürme, die Wallbaum auch gerne in ihrer Freizeit besucht und über hunderte von Stufen besteigt, haben für sie eine ganz besondere Bedeutung. „Sie sind ein Symbol für Sicherheit, Hoffnung und Nachhausekommen.“ Die große Leuchtturmcollage an ihrer Bürowand war übrigens ein Geschenk der Kollegen, als sie vor einigen Jahren nach schwerer Krankheit ins Berufsleben wieder zurückkehrte.

Anneli Wallbaum erlitt an ihrem Arbeitsplatz im Hospiz einen Herzstillstand. Sie konnte dank schneller medizinischer Hilfe ins Leben zurückgeholt werden. Diese extreme Erfahrung brachte ihr eine gewisse Gelassenheit beim Umgang mit Leben und Tod. „Ich habe gelernt, dass man nicht gefragt wird, wenn man gehen muss.“

 
 

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