Von Bio-Deutschen und NDHs

Jonas Erlenkämper
Sozialdemokraten unter sich: Oberbürgermeister Horst Schiereck (links), Bürgermeister Heinz Buschkowsky und Bundestagsabgeordneter Franz Müntefering. Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool
Sozialdemokraten unter sich: Oberbürgermeister Horst Schiereck (links), Bürgermeister Heinz Buschkowsky und Bundestagsabgeordneter Franz Müntefering. Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool
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Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, hat am Samstag den Impulsvortrag zur Eröffnung des 4. ID55-Kongresses gehalten.

Herne. Nicht dass ein falscher Eindruck entsteht. Neukölln hat auch gute Seiten. Parks und schöne Altbauten und sogar eine Oper. Damit keiner denkt, der Bezirk sei eine Mischung aus der Bronx und Sodom, hatte Heinz Buschkowsky DVDs mitgebracht. Eine knappe Viertelstunde Werbung für Neukölln, für jedermann kostenlos zum Mitnehmen. Zuvor, in einem „Impulsvortrag“ zur Eröffnung des 4. ID55-Kongresses, hatte Buschkowsky jedoch regelrecht Anti-Reklame gemacht.

Der 62-jährige Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln ist ja schon oft aufgefallen mit seinen Analysen zur Integrationspolitik. Insofern wusste er, was das Auditorium von ihm hören wollte: „Wenn man mich einlädt, dann meist, weil man jemanden braucht, der Böses sagt.“ So böse war’s dann gar nicht, trotzdem bekamen die Zuhörer einen Eindruck, wohin sich deutsche Großstädte entwickeln könnten. „85 bis 100 Prozent der Schüler an Neuköllner Schulen haben einen Migrationshintergrund, man könnte auch sagen: sind Einwanderer“, rief Buschkowsky ins Mikrofon. „Die Frage, wer wen wohin integriert, stellt sich gar nicht mehr.“ Das war so ein Satz, der hängen bleibt, zumal der Ehrengast aus der Hauptstadt durchaus witzig und pointiert reden kann. Noch so ein Merk-Satz: „Integrationspolitik ist nicht der Wettbewerb um den Mutter-Teresa-Preis“ – sondern Eigennutz.

Er sieht unspektakulär aus. Riesenbrille, wie sie vor 20 Jahren schon aus der Mode waren, gutes Kampfgewicht, der oberste Hemdknopf offen, die Krawatte gelockert. Aber er kann Dinge auf den Punkt bringen. Sprach von „Bio-Deutschen“ im Gegensatz zu „NDHs“ (also Menschen Nicht deutscher Herkunft). Und als einer bemerkte, dass doch quasi jeder Deutsche irgendwann mal ausländische Vorfahren gehabt habe, guckte Buschkowsky gelangweilt drein und machte nonverbal deutlich, dass ihn solche Spitzfindigkeiten nicht die Bohne interessieren.

Später, in einem „Workshop“ in kleinerer Runde, räumte Hernes Bildungsdezernentin Gudrun Thierhoff ein, dass „man im Ruhrgebiet nicht sagen kann, dass wir solche Probleme nicht haben.“ In Herne sei die Verdichtung zwar nicht so stark, in Horsthausen etwa betrage die „Sprachförderquote“ der Kinder jedoch 51 Prozent. Und Buschkowsky stellte klar, dass die sozialen Probleme „unethnisch“ seien: Die Holländer hätten die gleichen Schwierigkeiten mit Marokkanern oder Surinami, die Briten mit Pakistani. Was also tun? Ein paar Stichworte fielen immer wieder. Frühere staatliche Intervention, Ganztagsbetreuung, längeres gemeinsames Lernen, Kindergartenpflicht.

„Die Gesellschaft muss ihre beobachtende Rolle aufgeben“, sagte Buschkowsky. Und auch dies: „Ich möchte betonen, dass ich nach wie vor Mitglied der SPD bin.“