Vom Profiboxer zum Boxbuden-Chef

Ralf Birkhan
Ob die Boxen tatsächlich aus Looooondonnn kommem, oder doch eher aus einem Box-Verein in Recklinghausen, spielt keine Rolle, denn sie sieht so oder so aus wie eine Burg auf zwei Beinen. Fotos: Monika Kirsch / WAZ FotoPool
Ob die Boxen tatsächlich aus Looooondonnn kommem, oder doch eher aus einem Box-Verein in Recklinghausen, spielt keine Rolle, denn sie sieht so oder so aus wie eine Burg auf zwei Beinen. Fotos: Monika Kirsch / WAZ FotoPool

Herne. Charly Schultz gehört die Boxbude „Fight Club“ auf der Cranger Kirmes. Sie ist eine der beiden letzten Kirmes-Kampfarenen in Deutschland. Wer will noch mal, wer hat noch nicht?

Muhammad Ali trägt einen weißen Bademantel und schaut in den Spiegel. Aber Ali ist nicht echt, er ist nur eine Illusion auf der Seitenwand der Boxbude. Charly Schultz trägt ein sandfarbenes Jackett und seine Abendfrisur; er hat die Haare des kurzen Zopfes vom Nachmittag über die lichteren Stellen am Kopf hochgekämmt. Charly Schultz ist echt. Ihm gehört die Boxbude „Fight Club“ auf der Cranger Kirmes.

Um den Chef herum tänzeln seine Boxer über die Bühne vor dem Zelt. „Aus Paris kommen sie“, dröhnt Schultz ins Mikrofon. „Und aus London.“ Bei Schultz klingt das wie „Looondonnn!“ Schultz muss als Kind in einen Zuber mit Sprachgewalt gefallen sein, seine Stimme übertönt das Rattern der Achterbahn und erwischt jedes Ohr. Die Menschen bleiben stehen. „Traut sich einer von euch gegen meine Jungs in den Ring?“

Wer den Mann, den Schultz als Jacob Bugner aus London vorstellt, zu Boden schlägt, kassiert 50 Euro. „Bar auf die Hand, ich zahle noch im Ring aus.“ Die Boxer haben Nacken wie Polarbären, manche Nasen sehen aus, als könnten die Besitzer damit einen Lkw anschieben, Fäuste knallen gegen den Sandsack, der von einem Stahlhaken baumelt. Wer will noch mal, wer hat noch nicht?

Ein dicker Mann mit dem Satz „Schlanke sind nur zu dumm zum Essen“ auf dem T-Shirt schaut kurz zu, dann geht er weiter. Manche Typen auf der Kirmes beißen sich die Zähne an Zuckerwatte aus, die anderen zahlen sechs Euro Eintritt für die Boxbude.

„Ich muss die Leute kitzeln, damit ich sie kriege“, hat Schultz sein Geschäft zwei Tage zuvor erklärt. In diesem Augenblick steht der 52-Jährige noch nicht unter Strom, im Wohnwagen neben dem Fight Club hat seine Frau Angelika Kaffee gekocht. „Einen von diesen großen amerikanischen Wohnwagen können wir uns nicht leisten“, sagt sie.

Würde man den Arm weit ausstrecken, könnte man vom Tisch, auf dem der Kaffee dampft, das Bett am anderen Ende des Wagens berühren. Ein Leben, für das man geboren sein muss. „In uns fließt Schaustellerblut.“ Die Stimme von Schultz wird lauter, er rutscht in sein Element. Geboren im Wohnwagen der Eltern auf der Saarbrücker Kirmes, Vater und Mutter zogen mit der Schau „Mysterium“ durchs Land. „Die dickste Frau, der Mann mit zwei Köpfen, solche Sachen eben.“

„2000 Euro für den, der alle sechs Boxer k.o. schlägt.“

Zurück auf die Bühne. „2000 Euro für den, der alle sechs Boxer k.o. schlägt.“ Die Stimme von Schultz überschlägt sich, und Jacob Bugner lässt die Boxbirne neben dem Eingang tanzen. Ob er jetzt tatsächlich aus Looooondonnn kommt, oder doch eher aus einem Box-Verein in Recklinghausen, spielt keine Rolle, denn er sieht so oder so aus wie eine Burg auf zwei Beinen.

Im Zelt taucht das Dämmerlicht des frühen Abends den Ring ins Halbdunkel. 150, vielleicht 200 Leute stehen auf dem Schotter des Kirmesplatzes, denn das Zelt hat keinen Boden. Später am Abend, wenn der Alkohol mutiger macht, strömen mehr Menschen ins Zelt, die Show beginnt alle 30 Minuten.

Schultz schaut durch den rot-schwarzen Vorhang, es ist ruhig, diesmal ist keine Randale zu befürchten. „Manchmal kommt einer, der den Kronleuchter runter reißen will“, hat er erzählt. „Dem zeigen wir dann, dass Boxen kein Halma ist.“ 20 Jahre hat er das persönlich erledigt. Als er 20 Jahre alt war, hatte er 14 Profikämpfe hinter sich, sechs davon gewonnen.

Internationaler Mittelgewichts-Meister von Luxemburg war er, gegen den harten Knochen Manfred Jassmann hat er verloren. Und 1979, als Muhammad Ali in Berlin einen Showkampf ablieferte, hat Schultz im Vorprogramm geboxt. Das einzige Foto von ihm und Ali hat ihm jemand geklaut.

„Auf der Kirmes hat mich im Leben noch keiner umgehauen!“ Schultz schüttelt den Kopf. Wär’ ja noch schöner!

Es geht los. Sieben Kämpfe, auch Elli, die polnische Meisterin im Leichtgewicht, tritt gegen Männer an. Und wirklich klettert ein Kerl zu Elli in den Ring. Er sieht aus wie Tarzan, aber er boxt wie Jane.

Man muss also nicht alles glauben, was man sieht. Die Hotels in Las Vegas simulieren Paris und Venedig und sind ausgebucht, die Boxbude lebt von der Illusion, dass sich jeder im Leben durchschlagen kann, wenn er es denn will. Eine Show mit echten Menschen zwischen allen High-Tech-Karussells.

Schultz hat sein Zelt wieder voll, es geht erneut los, aber den Fotoapparat der Reporter will er plötzlich nicht mehr dabei haben. Der Spaß hat für ihn ein Loch bekommen, und es wird laut. Schultz schaut wie drei schlecht gelaunte Mastinos; Schluss mit Fotos! Keiner soll merken, dass nicht jeder Herausforderer auch ein echter Kirmesbesucher ist und in Wirklichkeit dreimal oder viermal am Abend auftaucht. Dabei ist es egal, wir sind schließlich nicht im Beichtstuhl, sondern auf dem Rummelplatz, dem Geburtsort aller Illusionen.

Nebenan rattert die Achterbahn weiter, Schultz bindet zum Schutz ein neues weißes Taschentuch über sein Mikrofon: „Aus Loooondonnnn...“ Die nächste Show beginnt in 30 Minuten.