Viel Beifall für die „Hartz-IV-Rebellin“

Redaktion
„Sanktionsapparat Jobcenter“ lautete der offizielle Titel des  Open-Air-Arbeitslosencafés, zu dem das Herner Sozialforum und die Linkspartei die freigestellte Jobcenter-Mitarbeitern  Inge Hannemann (Hamburg) eingeladen hatten.
„Sanktionsapparat Jobcenter“ lautete der offizielle Titel des Open-Air-Arbeitslosencafés, zu dem das Herner Sozialforum und die Linkspartei die freigestellte Jobcenter-Mitarbeitern Inge Hannemann (Hamburg) eingeladen hatten.
Foto: WAZ FotoPool
Einen prominenten Gast konnten das Sozialforum Herne und die Linkspartei bei einer gemeinsamen Veranstaltung am Buschmannshof begrüßen: Die „Hartz-IV-Rebellin“ Inge Hannemann stand Rede und Antwort.

Wanne-Eickel.  Schüchtern und zurückhaltend wirkt die Frau im blauen T-Shirt, die etwas verloren vor dem provisorischen Freiluft-Arbeitslosencafé von Sozialforum und Linkspartei am Buschmannshof steht. Ein Eindruck, der so gar nicht mit dem riesigen Wirbel zusammenpassen will, den Inge Hannemann in den vergangenen Monaten in Deutschland verursacht hat.

Einstehen für Demokratie

„Hartz-IV-Rebellin“ hat beispielsweise das Wirtschaftsmagazin „Handelsblatt“ die 44-Jährige genannt. Alles andere als eine Übertreibung, denn: Ihr Arbeitgeber, das Jobcenter Hamburg-Altona, hat Hannemann schon vor Monaten freigestellt, weil sie sich weigerte, Sanktionen gegen Langzeitarbeitslose auszusprechen. Und weil sie öffentlich über die Medien und in ihrem Internet-Blog gegen das aus ihrer Sicht menschenunwürdige System Hartz IV protestiert hat.

„Es ist kein Kampf, es ist ein Einstehen für Demokratie“, stellt sie am Mikrofon klar. Ihre Eltern hätten ihr diese Werte schon früh mitgegeben. „Jeder Mensch ist gleich“ - das sei ihr beigebracht worden.

„Sanktionsapparat Jobcenter“ lautet der offizielle Titel dieser zweieinhalbstündigen Veranstaltung. Inge Hannemann, die 2005 im Jobcenter anheuerte, weiß zu diesem Thema einiges zu berichten.

Mit den Jahren seien die Weisungen immer schärfer, die Sparvorgaben aus Berlin immer höher geschraubt worden, erzählt die Mutter einer Tochter. „Es ging immer stärker darum, Erwerbslosen Leistungsmissbrauch zu unterstellen.“ Dadurch sei sie ins Grübeln geraten.

Anerkennendes Nicken und Beifall begleiten ihre Beiträge. Aus Bochum, Gelsenkirchen und sogar aus Iserlohn sind einige angereist, um Inge Hannemann an diesem Tag zuzuhören. Und um den prominenten Gast um Rat zu fragen. So wie eine Mutter, die berichtet, dass sie und ihr aus der Haft entlassener Sohn am Jobcenter in Recklinghausen verzweifeln.

Abrechnung mit Arbeitsministern

Frage auf Frage muss Hannemann beantworten. Sie nutzt die Bühne auch zur Abrechnung. Mit Bundespräsidenten und Arbeitsministern, die auf ihre in Briefen formulierten Zweifel und Vorwürfe nicht einmal reagiert hätten. Mit dem System, das es für Jobcenter möglich mache, Anträge auf Hartz IV so zu berechnen, dass es keinen Anspruch gebe. Und mit Statistiken, in denen Sanktionsquoten klein gerechnet würden.

Wanne-Eickel ist für die 44-Jährige nur der Anfang. Mit Auftritten in Köln, Gelsenkirchen, Duisburg und Essen setzt die („noch“) Parteilose ihre kleine NRW-Tour fort.