“Tour de Vinyl“ macht Zwischenstopp in Paris

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Herne.. Irgendwo zwischen Sport und Kunst treten drei Männer auf drei Trimmrädern in die Pedalen. Gleichzeitig legen sie Schallplatten auf, betrieben mit der Kraft ihrer Waden. Das ist die “Tour de Vinyl“ - und auch in Paris.

Optisch angereichert ist die Performance mit Videoschnipseln, mit der Chris Wawrzyniak, Patrick Praschma und Pierre Cournoyer dem gelben Trikot der audiovisuellen Kunst auf den Fersen sind.

Etliche Etappenerfolge sind zu verzeichnen. Am Samstag etwa geht es nach Paris. Die Essener Kunstmesse Contem-porary Art Ruhr ist eingeladen ins Rathaus des 11. Arrondis-sements zur „Nuit Blanche“, der langen Nacht der Kultur, und sie bringt die sportliche Künstlerformation aus dem Ruhrgebiet mit ihrer „Junggesellenmaschine“ mit.

„Das eigenwilligste Radrennen der Schallplattengeschichte“ haben die drei Jockeys die Performance untertitelt, mit der sie seit zwei Jahren auftreten. „Eine Reise durch die Geschichte der Schallplatte“, nennt Patrick Praschma das Programm, in der Schellackplatten wie Comedy, Kraftwerk, Deichkind und Schlager ihren Platz finden, in wechselnden Kombinationen. „In Bethune in Nordfrankreich haben wir zum Beispiel versucht, viel über französische Platten zu erzählen.“ Denn einen Erzählbogen gibt es durchaus, er ergibt sich aus den live angespielten Plattenfragmenten, unterstützt von Visuals im Hintergrund.

Das Konstrukt hat berühmte Vorläufer. Experimente von Künstlern wie Lazlo Moholy-Nagy oder Nam June Paik haben bereits den Tonträger zweckentfremdet. Auch das Scratching der DJs ist jenseits des bloßen Abspielens ein Eingriff in das Material. Tour de Vinyl knüpft dort an und ergänzt den akustischen um den visuellen Eindruck, entste-hend durch die körperliche Präsenz der Akteure.

Da paart sich Konzentration auf Einsatz und Geschwindig-keit mit physischer Heraus-forderung. Ja, anstrengend sei das durchaus, sagen die drei Künstler. Mindestens einmal pro Woche wird zusammen trainiert, jeder einzelne hält sich darüber hinaus fit. „Es gibt Passagen, wo es darum geht, sich zu verausgaben und fast vom Rad zu fallen“, erklärt Patrick Praschma. Disc-Jockeys im Wortsinn, sie reiten die Schallplatten. Erweiterbar ist die Aktion durch den Rap-per MC Solarplexus, auch die Folkwang-Tänzerin Eluisa Mi-rabassi ist schon mit Tour de Vinyl aufgetreten.

„Wir können überall spielen“

Die Künstler erfahren Zuspruch aus vielen Ecken. „Wir können überall spielen“, sagt Pierre Cournoyer. „Im Museum morgens um 8 Uhr vor einem Durchschnittsalter von 60 Jahren, und das Gleiche machen wir auf einem Festival, wo die Leute tanzen.“ Dass sie mit Tour de Vinyl auf renommierten Medienfestivals wie die transmediale in Berlin eingeladen werden, freut sie. Noch sorgt Mundpropaganda für die die meisten Auftritte. Mehr als die Spritkosten springen dabei kaum heraus. Chris Wawrzyniak: „Das ist nichts, mit dem wir ein kommerzielles Interesse verfolgen.“

Dafür kommt vom Publikum viel zurück. Mal bietet eine ältere Dame einen Stapel Schallplatten an, mal gibt es Tipps, wie die Apparatur zu optimieren sei. „Anfangs sind die Gesichter oft noch fra-gend“, hat Patrick Praschma festgestellt. Am Ende haben die Zuschauer verstanden. Beim nächsten Auftritt sieht dann vielleicht schon wieder alles etwas anders aus. „Tour de Vinyl wird ständig weiterentwickelt“, sagen die drei. „Wir tüfteln an neuen Sachen. Das Rennen ist nie zu Ende.“

 
 

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