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Vor 100 Jahren

Tollkühne Wanner und ihre fliegenden Kisten

26.05.2012 | 10:00 Uhr
Tollkühne Wanner und ihre fliegenden Kisten

Wanne-Eickel.   Zu Pfingsten 1912 wurde der Flugplatz Wanne-Herten feierlich eröffnet

Es war zu der Zeit, da nannte man Piloten noch „tollkühne Männer“ und ihre Flugzeuge „fliegende Kisten“. Anfang des 20. Jahrhunderts nahm der uralte Traum der Menschen vom Fliegen Konturen an. Nicht weniger tollkühn als die Männer in ihren fliegenden Kisten waren damals die Ambitionen der Wanner. 1909 nahm bei Berlin der erste deutsche Flughafen – Johannistal – den Betrieb auf. Da wollten die Wanner nichts verpassen und weihten schon zu Pfingsten 1912 ihren eigenen Flugplatz ein – genau vor 100 Jahren.

40 000 Menschen, so berichtete die „Wanner und Eickeler Zeitung“, strömten damals auf das Flugplatz-Gelände. Und weil es nicht auf Wanner sondern nördlich der Emscher knapp auf Hertener Gebiet lag, hieß das Projekt „Flugplatz Wanne-Herten“. Die erste Version „Flugplatz Wanne im Hertener Wald“ hatten die Verantwortlichen, allen voran der damalige Beigeordnete und Wannes späterer Amtmann Friederich Weiberg, einen Monat vor der feierlichen Eröffnung, verworfen.

300 Morgen auf der Stadtgrenze

300 Morgen groß war das Gelände und durch die Linie 1 der Vestischen Straßenbahngesellschaft optimal mit dem Wanne-Eickeler Hauptbahnhof verbunden. Die eigens gegründete Rheinisch-Westfälische Flug- und Sportplatzgesellschaft – zu deren Gesellschaftern das Amt Wanne, die Gemeinde Herten und die Stadt Herne gehörten – stand in starker Konkurrenz zu dem Flugplatz-Projekt Gelsenkirchen-Rotthausen. Am Ende eröffneten beide ihre Flugplätze gleichzeitig zu Pfingsten 1912. Allerdings hatte Wanne sich einen Trumpf gesichert: Zum Preis von 392 369 Mark in Gold wurde ein Luftschiff aus der Parseval-Baureihe von der Deutschen Luftverkehrsgesellschaft angeschafft. Im Gegensatz zur Konkurrenz in Rotthausen, die Verbandsflugplatz war, konnte der Flugplatz Wanne-Herten nun den regulären Flugbetrieb aufnehmen.

Rechtzeitig zur Eröffnung sollte die Halle für Parseval 12 fertig werden. Scharen von Zimmerleuten kletterten eifrig montierend in der Holzkonstruktion herum. Die Herner Zeitung notiert in diesem Zusammenhang einen Rekord und zwar „in schneller und erfolgreicher Beendigung eines Streiks“. Nach fünf Minuten lenkten die Arbeitgeber ein und gewährten 10 Pfennig Gefahrenzuschlag für die Zimmerei in schwindelerregender Höhe – womit der Stundenlohn von 60 auf sagenhafte 70 Pfennig schoss.

Am Eröffnungstag selbst herrschte schlechtes Wetter. Kühl war’s, der Wind wehte in gefährlichen Böen, und die Sonne ließ sich kaum blicken. Stattdessen strahlte das Volk im Deutschen Kaiserreich. Denn mit der königlichen Hoheit Charlotte, Erbprinzessin von Sachsen-Meinigen, wohnte immerhin die Schwester seiner Majestät des Kaisers Wilhelm höchstselbst der Zeremonie auf dem Feld zwischen Wanne und Herten bei.

Und so verstand es sich auch für die Untertanen quasi von selbst, dass sie ihr neues Parseval-Luftschiff auf den Namen „Charlotte“ tauften.

Das Ritual bewahrte die „Charlotte“ allerdings nicht vor den Unbilden des Wanner Wetters. Bei Windstärken um die 14 Sekundenmeter fand die Taufe nicht im Freien, sondern in der 35 Meter breiten und 100 Meter langen Luftschiffhalle statt. Nur gut, dass man die Zimmerleute ordentlich bezahlt hatte.

Der erste Weltkrieg stürzte den Flugplatz Wanne-Herten später auch in finanzielle Turbulenzen. Der verlorene Krieg tat ein Übriges. In den folgenden Jahren stiegen nur noch Segelflieger und am Ende (bis 1994) immerhin noch Modellflugzeuge von dort aus in die Lüfte.

Und eines ist sicher: Sie kommt nicht mehr zurück, die gute, alte Zeit der tollkühnen Wanner und ihrer fliegenden Kisten.

Auf dem Flugplatz Wanne-Herten tummelte sich in den Jahren nach der Eröffnung die Prominenz. Der Stummfilm-Star Asta Nielsen war zu Gast. Ebenso gaben regelmäßig „Flieger-Asse“ wie Fokker oder Lübbe Proben ihrer Kunst. 1913 machte der Berlin-Paris-Pionier Audemars in Wanne Zwischenstation.

Bernd Nickel


Kommentare
26.05.2012
19:45
Linksliberale Presseorgane beteiligen sich wohl gerne an der verherrlichung von Weltkriegs-
von Tante.Otti | #1

Attentätern und Schauplätzen.

Niemand braucht noch eine Erinnerung an solche Schauplätze deutscher Kriegstreiberei.

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