Süderbrarup und die Euro-Krise

Gerd Bollmann (SPD) geht in sein letztes Jahr als Bundestagsabgeordneter. Zur Bundestagswahl 2013 tritt der 64-Jährige nicht mehr an. Foto: Ute Gabriel
Gerd Bollmann (SPD) geht in sein letztes Jahr als Bundestagsabgeordneter. Zur Bundestagswahl 2013 tritt der 64-Jährige nicht mehr an. Foto: Ute Gabriel
Foto: WAZ FotoPool
Warum der Herner SPD-Bundestagsabgeordnete Gerd Bollmann die Währung verteidigt, stolz aufseine standhafte Partei ist und sich einmal fürchterlich geärgert hat. Ein Interview.

Die große Politik ist in der Sommerpause. Gilt das auch für Sie?

Gerd Bollmann: Ich habe drei Wochen richtig Urlaub gemacht, an der Ostsee zwischen Flensburg und Kappeln an der Schlei. Ich fahre seit über 20 Jahren dorthin. Jetzt geht’s in Herne langsam wieder los. Ich war zum Beispiel in dieser Woche mit dem neuen NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin bei der Steag. In Berlin starten wir Ende August/Anfang September mit einer Klausurtagung der Fraktion.

Mussten Sie Ihren Urlaub an der Ostsee für die Sondersitzung zur Eurokrise unterbrechen?

Ja. Meine Frau brachte mich zum nächsten Bahnhof nach Süderbrarup. Von dort ging’s nach Hamburg und Berlin. Am selben Tag hat mich meine Frau wieder um 22.30 Uhr in Süderbrarup abgeholt.

Ihr Parteivorsitzender Sigmar Gabriel hat mit dem Vorschlag einer gemeinschaftlichen Schuldenhaftung in Europa hohe Wellen geschlagen.

Ich stehe hinter diesem Vorstoß. Wer ein gemeinsames Europa will, und da stehen wir Sozialdemokraten ja in einer sehr langen Tradition, kommt an einer solchen Lösung nicht vorbei. Wichtig ist aber: Das Parlament muss immer das Sagen haben.

Hat denn die Politik, hat der Abgeordnete Gerd Bollmann angesichts der Komplexität dieses Themas überhaupt noch den Durchblick?

Ich sage ganz ehrlich, dass ich nicht alles durchschaue. Ich bin kein Finanzpolitiker. Ich kann mir aber gut vorstellen, was passiert, wenn der Euro in Deutschland den Bach runtergeht. Wir würden dann als Exportland vor einer wirtschaftlichen Katastrophe stehen.

Kann man das Thema Euro-Krise dem Bürger auf der Straße überhaupt noch vermitteln?

Nur sehr schwer. Ich stelle in Gesprächen immer wieder fest, dass die Ablehnung gegen Europa im Moment sehr stark ist.

Haben Sie vor diesem Hintergrund nicht Angst, dass Europa für die SPD bei der Bundestagswahl zum Verliererthema wird?

Ja, die Gefahr sehe ich. Wenn wir unsere Position aus populistischen Gründen ändern würden, würde uns dies vielleicht kurzfristig bei Wahlen helfen. Die SPD wäre dann aber nicht mehr authentisch und glaubwürdig. Wir halten vieles, was in Europa gemacht wird, nicht für richtig. Zum Beispiel das Sparen nur bei kleinen Leuten. Aber wir müssen den Euro und Europa zusammenhalten. Ich bin stolz darauf, dass die SPD nicht der Versuchung erlegen ist, hier Fundamentalopposition zu betreiben.

Für große Aufregung hat das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Wahlgesetz gesorgt.

Das Echo hat mich geärgert. Es wurde pauschal gesagt: Die Politik hat versagt. Ich kann nur sagen: Das Gesetz ist gegen jeden Rat von der Regierung durchgepeitscht worden.

Alexander Vogt hat vor gut fünf Monaten Ihre Nachfolge als Parteivorsitzender angetreten. Neue Impulse oder eine eigene Handschrift sind bisher noch nicht zu erkennen.

Man muss doch mal sehen: Er ist im Landtagswahlkampf eingestiegen. Den Wahlkampf hat er fantastisch gemacht. Ich habe zu Alexander Vogt absolutes Vertrauen, er wird noch seine Marken setzen. Richtig los geht es erst nach der Sommerpause. Wir müssen schauen, dass wir mehr und jüngere Menschen als Mitglieder gewinnen.

Sie nehmen aber auch gerne 60-jährige wie Egbert Lewicki.

Natürlich, auch 60-Jährige sind uns sehr willkommen. Wir müssen einiges tun. Wenn man sich die Analyse der Landtagswahl in Herne anschaut, erkennt man, dass es auch für die SPD in einigen Altersgruppen schwierig ist.

Sie haben bereits 2011 angekündigt, dass Sie nach der Neuwahl des SPD-Vorstands eine öffentliche Empfehlung für Ihre Nachfolge im Bundestag abgeben wollen. Wir möchten Ihnen hier und heute die Gelegenheit geben, dieses Versprechen endlich einzulösen.

Ich habe das auch noch mal im Parteivorstand besprochen. Ich räume ein: Ich bin damals etwas vorgeprescht. Ich werde keine Empfehlung abgeben. Es gibt mit Michelle Müntefering und Anke Hildenbrand zwei ausgezeichnete Kandidatinnen. Ich glaube, dass es ein offenes Geheimnis ist, wen ich wähle. Und es wäre albern, so zu tun, als wäre ich der einzige in der SPD, der nicht weiß, wen er wählen soll.

Auf den Punkt gebracht: Sie werden Michelle Müntefering wählen.

Ja. Das ist meine persönliche Entscheidung.

 
 

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