Stottern soll kein Tabu sein

Die Logopädin Christina Jost-Köhler hilft unter anderem mit Spannungs- und Entspannungsübungen ihren Patienten, das Stottern in den Griff zu bekommen.
Die Logopädin Christina Jost-Köhler hilft unter anderem mit Spannungs- und Entspannungsübungen ihren Patienten, das Stottern in den Griff zu bekommen.
Foto: Haenisch / Funke Foto Services
Am Dienstag ist der „Welttag des Stotterns“. Logopädin Christina Jost-Köhler betreut Menschen mit Redeflussstörungen. Geduld zu haben ist dabei wichtig.

Herne..  Für mehr als 800 000 Menschen in Deutschland können alltägliche Situationen wie Telefonate oder Gespräche zu einer echten Herausforderung werden. Denn: Rund ein Prozent der Bevölkerung stottert, so lautet die Angabe der Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe (BVSS). Die Herner Logopädin Christina Jost-Köhler hilft Betroffenen ihren Redefluss wiederzuerlangen.

„Die Ursachen für das Stottern sind trotz intensiver Forschung noch immer nicht wirklich bekannt“, erklärt Jost-Köhler. Es gebe zwar viele verschiedene Theorien, von denen bislang aber keine vollkommen bestätigt werden konnte. Was allerdings feststehe: „Stottern wird häufig von bestimmten Situationen und Orten ausgelöst.“ Das sei bei Redeflussstörungen häufig der Fall.

„Es gibt drei Symptome des Stotterns“, erklärt Jost-Köhler weiter: Blockierungen, bei denen man bei einem Buchstaben stecken bleibt, sowie Wiederholungen und Dehnungen von Wortelementen. Wie lang und intensiv die einzelnen Symptome auftreten, sei ganz unterschiedlich. Sehr divers seien auch weitere Beschwerden, die häufig mit dem Stottern einhergehen. Jost-Köhler: „Viele Patienten überwinden die Symptome anfangs beispielsweise durch bestimmte Gesichts- oder Handbewegungen.“ Das Problem: „Irgendwann reicht das häufig nicht mehr aus. Dann ist das Stottern immer noch oder wieder da und zusätzlich die Begleitsymptome.“

Die Artikulationsschwierigkeiten und Auffälligkeiten nagen auch an der Psyche, beschreibt die Logopädin. Der Mensch definiere sich schließlich auch über die eigene Sprache. „Deshalb entwickeln viele Betroffene rasch ein starkes Störungsbewusstsein und schämen sich.“

Mit Absicht gegen den Zwang

Einer von unzähligen Therapieansätzen sei deshalb das so genannte Pseudostottern. Dabei stottert ein Patient mit Absicht, anstatt wie sonst zu versuchen, es zu umgehen. Denn, so Jost-Köhler: „Ich kann nur etwas verändern, dass ich mich im wahrsten Sinne des Wortes ­traue, in den Mund zu nehmen.“ Sprich: Betroffene sollen die Scham verlieren, mit ihrer Redeflussstörung in Kontakt zu treten, Mund und Kehlkopf als Sprechorgane bewusst wahrnehmen und so das Stottern besser kontrollieren können. Ein weiterer Ansatz: Anspannungen im Mund beispielsweise auf einen Ball in der Hand übertragen und die Spannungen parallel und bewusst lösen.

Generell gelte: je früher die Therapie beginne, also wenn bei Kindern also noch kein Störungsbewusstsein vorhanden ist, desto besser. Aber auch: „Nichts überstürzen. Häufig stottern Kinder im Alter von vier Jahren für ein paar Monate, das Problem verflüchtigt sich aber wieder.“ Bei Betroffenen in jedem Alter könne ein regelmäßiges Training jedoch oft helfen. „Allerdings“, betont die erfahrene Logopädin auch, „gibt es trotz vielfältiger Therapieansätze leider keine Erfolgsgarantie.“ Sie rät deshalb dazu, Geduld mit sich selbst und anderen zu haben.

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